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Biontech-Pfizer-Story über das Vakzin BNT162b2

Die Entwicklung des Impfstoffs BNT162b2 ist ein Megaprojekt der deutschen Unternehmensgeschichte. Ein Rennen gegen die Zeit – und gegen alle Konventionen. Die Chronologie.
Von den manager magazin-Redakteuren Lukas Heiny und Eva Müller
11.11.2020, 16.07 Uhr

 

Die Nachricht ist eine Erlösung. Der Impfstoff BNT162b2, entwickelt vom Mainzer Biotechunternehmen Biontech, ist wirksam – und zwar zu mehr als 90 Prozent. Das sei der erste Beweis, dass Covid-19 wirklich durch einen Impfstoff verhindert werden kann, jubelt Ugur Sahin (55).

Der Gründer und Chef des deutschen Start-ups hat es mit seinen Leuten und den Entwicklungspartnern des US-Konzerns Pfizer also tatsächlich geschafft. Eine Zwischenauswertung ihrer Massenstudie mit bis heute 43.583 Probanden hat überwältigende Ergebnisse gezeigt. Zwar liegen bislang nur Daten für 94 Fälle vor, aber nach dem ausgeklügelten Studiendesign reicht das, um zunächst eine Notfallzulassung bei den Aufsichtsbehörden zu beantragen. Die Aktienkurse von Biontech und Pfizer explodierten, Glückwünsche kommen aus der ganzen Welt.

"Heute ist ein großer Tag für die Wissenschaft und die Menschheit", sagt Pfizer-Chef Albert Bourla (58). "Wir erreichen diesen wichtigen Meilenstein in unserem Impfstoffprogramm zu einer Zeit, in der die Welt ihn am meisten braucht."

Dahinter steckt ein Wissenschafts- und Wirtschaftskrimi ohne Beispiel. Die Entwicklung des Impfstoffs BNT162b2 ist das wohl aufregendste Forschungsprojekt der deutschen Unternehmensgeschichte. Nie zuvor blickte die ganze Welt so sehr auf ein deutsches Unternehmen. Nie zuvor ist ein Impfstoff in derartiger Geschwindigkeit entwickelt worden. Nie zuvor hing so viel von den Entscheidungen der beteiligten Frauen und Männer ab, nicht nur für die Unternehmen und deren Investoren. Sondern für die Weltwirtschaft und die Weltbevölkerung.

 

24. Januar

An diesem Freitag liest Sahin in der medizinischen Fachzeitschrift "Lancet" über eine neue Studie. Das tödliche Virus in China ist demnach deutlich ansteckender als bislang gedacht. Zwei Tage zuvor hat bereits der Chef des US-Konkurrenten Moderna, Stéphane Bancel (48), angekündigt, nach einem Serum zu suchen. Nun wollen auch Sahin und seine Frau Özlem Türeci (53), Chief Medical Officer von Biontech, einsteigen.

Am Wochenende telefoniert Sahin mit Aufsichtsratschef Helmut Jeggle (50). "Ich war sehr überrascht, wie ernst Ugur das Virus nahm und dass er tatsächlich wertvolle Personalressourcen einsetzen wollte", erinnert der sich.

 

Biontech forscht an mRNA-Wirkstoffen: Mit synthetisch programmierten Botenmolekülen wollen sie die menschlichen Zellen selbst zu Wirkstofffabriken machen. Sie hoffen seit Jahren, damit ganz neuartige Medikamente zu erfinden, vor allem gegen Krebs. Aber weltweit wurde noch nie ein Mittel auf mRNA-Basis zugelassen. Und jetzt ein Impfstoff gegen ein Virus in China? "Aber wenn Ugur ein Projekt starten will, vertrauen wir ihm voll", sagt Jeggle.

Schon am folgenden Montag präsentiert Sahin dem Vorstand eine Art Stufenplan. Bis April sollen die klinischen Studien starten. "Es ist unsere Pflicht, unsere ganze Technologieexpertise einzusetzen." Es ist der offizielle Startschuss für ein Hochrisikoprojekt.

"Im Rückblick muss ich gestehen, da war sehr viel Vertrauen dabei", wird sich Finanzchef Sierk Poetting (47) später erinnern. Es habe doch einige Stellen gegeben, an denen es "auch in eine andere Richtung hätte laufen können".

Die Direktoren und Führungskräfte, viele kurz vor dem Skiurlaub, murren zunächst über den Vorstoß des Gründers. Einige halten die Nachrichten aus China für einen "Hype". Aber Sahin und Türeci bestehen auf ihrer Idee. In einer Mitarbeiterversammlung schwört Sahin die Mannschaft ein. Er ist der Kopf der Firma, sprudelt vor Ideen, kann das gesamte Team motivieren. Er vergleicht Corona mit der Hongkong-Grippe, die in den 1960er Jahren viele Tote forderte. Auf seinen Appell melden sich intern viele Freiwillige für das Projekt.

In den Labors übernimmt Türeci das Kommando. Sie ist die wissenschaftliche Leiterin und kongeniale Partnerin von Sahin. Noch im Januar starten sie mit ersten Experimenten.

 

31. Januar

Während ihre Aktivitäten geheim bleiben, preschen andere vor. Nach Moderna verkündet auch CureVac in Tübingen, nach einem Impfstoff zu suchen. Beide nutzen ebenfalls die mRNA-Technologie. Die Aufregung unter Medien und Börsenanlegern ist für Sahin und Türeci ein Vorgeschmack auf das, was ihnen bevorsteht.


Februar

Bereits im Februar fahren die Biontech-Forscher zum Paul-Ehrlich-Institut nach Langen bei Frankfurt. Die Behörde ist zuständig für die Zulassung von Impfstoffen in Deutschland. Die Forscher präsentierten ihren Plan: ein Impfstoff zum Jahresende. Und überzeugen die Beamten. Genehmigungsprozesse sollen beschleunigt, alles radikal priorisiert werden. So eng und schnell haben Staat und Industrie nach dem Zweiten Weltkriegs nicht kooperiert.

Bis Ende Februar haben sie im Labor 20 Impfstoffkandidaten gefunden. Noch wissen sie nicht genau, wie das Virus funktioniert und wie man es am besten ausschalten kann. Sie attackieren dessen Bestandteile und vergleichen in unzähligen Tests. "Es geht darum, eine optimale Immunantwort in einer verträglichen Dosierung zu erhalten", sagt Sahin.

Das Tempo ist gewaltig. Noch während der Experimente lässt Sahin den Impfstoff für mögliche Studien mit Menschen produzieren. Nicht nur für einen, sondern gleich mehrere – mit dem Wissen, viele davon wegzuschmeißen.

Dieses Muster wird sich durch die kommenden Monate ziehen: Dinge, die sonst nacheinander geschehen, laufen jetzt parallel. Das ist teuer und riskant. Aber statt der sonst üblichen 15 Jahre für einen neuen Impfstoff wollen sie es in wenigen Monaten schaffen. Das Projekt bekommt den Namen "Lightspeed".

 

1. März

Um einen Impfstoff an Menschen zu erproben, ist viel Geld und Logistik notwendig. Doch die finanziellen Mittel des Start-ups sind limitiert. Wegen des schwachen Marktumfelds hatte der Börsengang im Oktober 2019 nur 150 Millionen Dollar eingebracht, weniger als erhofft. Sahin ist ein Spitzenforscher und studierter Mathematiker, aber er tickt wie ein Unternehmer. Nun sucht er Partner, er braucht Hilfe und Geld.

In China verhandelt er mit Fosun Pharmaceuticals, der börsennotierten Tochter des Mischkonzerns. In deren wissenschaftlichem Leiter erkennt er einen Gleichgesinnten, sie tauschen sich über die Krankheit und mögliche Heilungschancen aus. Wegen der vielen Infizierten scheinen in China später auch Massenstudien möglich.

 

Für den Rest der Welt ist der US-Gigant Pfizer seine erste Wahl. Biontech betreibt keine klinischen Center in den USA und hat schon gar keine Erfahrung mit der Kommerzialisierung eines Medikaments. Er braucht einen relevanten Partner, um die Schlagkraft für ein derart gigantisches Projekt zu haben – und um sich das enorme Risiko zu teilen.

Er ruft in New York an, bei Kathrin Jansen (62), sie leitet Pfizers Impfstoffforschung. Ob sie dabei sein wolle? Sie habe ihn „eigentlich gar nicht ausreden lassen“, sagt Sahin. Ihre Antwort: Un-be-dingt!

 

Sahin und Jansen schätzen und vertrauen sich. Die hoch anerkannte Immunologin aus Deutschland, die seit Jahren für US-Konzerne arbeitet, ist von Sahins Ideen begeistert. 2018 vereinbarten sie die gemeinsame Entwicklung eines Grippeimpfstoffs auf Basis der mRNA-Technologie. Der Deal brachte BioNTech damals 120 Millionen Dollar, weitere gut 300 Millionen stehen in Aussicht, sollte das Mittel jemals marktreif sein.

Jansen erkennt sofort die Chance, die ein möglicher Corona-Impfstoff bietet. Noch bevor die Juristen die Details ausgehandelt haben, legen ihre Teams los. Dem "Wall Street Journal" wird sie später sagen: "Das ist vermutlich das größte Ding, was wir je machen werden."


2. März

Donald Trump (74) versammelt die Spitzen der Pharmawelt im Weißen Haus. Er will wissen, wie man die Entwicklung eines Impfstoffs beschleunigen kann. Von Biontech ist niemand da, dafür setzen sich die Topmanager von CureVac, Moderna, GlaxoSmithKline und Johnson & Johnson in Szene. Zwölf, vielleicht 18 Monate soll es dauern. Eine ernüchternde Perspektive – und nicht das letzte Mal, dass die große Politik sich einschaltet.

 

13. März

Pfizer-Chef Albert Bourla ruft die Pharmabranche auf, die Kräfte zu bündeln. "Wir sind bereit, als Team mit der Industrie zusammenzuarbeiten", sagt er.

Selbst will er unbedingt einen festen Partner. Seine Leute verhandeln mit den Impfstoffforschern der Universität Oxford, die sich später mit dem britischen Pharmagiganten AstraZeneca verbünden werden. Am Folgetag aber treffen sich per Videokonferenz 60 Manager und Wissenschaftler von Pfizer und Biontech, um ihren Deal festzuzurren.


16. März

Seit dem Wochenende ist das Thema "Corona-Impfstoff" endgültig auch in Deutschland ein Politikum. Berichte über ein mögliches Kaufangebot der US-Regierung für CureVac machen die Runde. An diesem Montag macht Sahin öffentlich, was er seit nun sieben Wochen betreibt. Der Aktienkurs explodiert, an der Börse ist das Unternehmen in dieser Woche dreimal so viel wert wie in der Vorwoche.

 

Als Partner präsentieren die Deutschen zunächst Fosun aus Shanghai. Gemeinsam wolle man einen Kandidaten in China weiterentwickeln. Die Chinesen überweisen 120 Millionen Euro, 44 Millionen Euro davon im Tausch gegen 0,7 Prozent der Firmenanteile. Sie sind Großaktionär der staatlich kontrollierten Sinopharm, die selbst zwei Impfstoffe erforschen wird, und bringen ihre Expertise im Umgang mit den chinesischen Behörden ein. Dafür dürfen sie das Mittel nach einer Zulassung in China vermarkten, die Gewinne will man teilen.

Im Vergleich zur Konkurrenz liegt Biontech jedoch deutlich zurück. US-Konkurrent Moderna hat auf Tierversuche verzichtet und lässt bereits an diesem Montag den weltweit ersten menschlichen Probanden gegen Corona impfen.


17. März

Nur einen Tag später verkünden Biontech und Pfizer ihren Pakt, auch wenn Sahins Chief Business Officer Sean Marett (55), ein Pharma-Haudegen, die Details noch immer verhandelt. Anders als Moderna oder CureVac sind Sahin und seine Investoren offen für solche Kooperationen. Das schmälert zwar die möglichen Margen – mindert aber auch das Risiko für den Fall des Scheiterns. Und es ermöglicht dem Start-up ein höheres Tempo. "Ich habe von Anfang an betont, dass wir das Problem als Weltgemeinschaft angehen müssen", wird Sahin später der "FAS" sagen. "Weil es zu gigantisch ist. Das kann kein Land, kein Unternehmen allein angehen."

Ein täglicher Telefonkonferenzplan wird entwickelt. Gemischte Teams arbeiten an allen Fragen, selbst Streit um die Auswahl der richtigen Impfstoff-Kandidaten wird sachlich gelöst. "Es gab keinen Raum für Egos", sagt Sahin dem "Wall Street Journal". "Das war großartig."

Bereits beim Frühstück tauschen er und Türeci sich mit ihren Ansprechpartnern von Fosun in Shanghai aus. Abends folgen Videokonferenzen mit Amerika. Mit Pfizer-Boss Bourla telefoniert Sahin an den Wochenenden manchmal dreimal, auch in dessen Urlaub. In Mainz freuen sich sich über Bourlas "echte Hands-on-Mentalität". Es sei ein "gleichberechtigtes Verhältnis", erzählt ein Beteiligter. Die Entscheidungen fallen sehr schnell und direkt, nichts werde langwierig an Gremien delegiert.

 

18. März

Biontech nimmt Kontakt mit der EU-Kommission auf, um Finanzierungshilfen für "Lightspeed" einzuwerben. Die anstehenden klinischen Tests können schnell dreistellige Millionensummen verschlingen. Und der Aufsichtsrat hat Bedenken, ob sich das Unternehmen ein derart großes Risiko leisten kann.

Chefaufseher Jeggle beschreibt das mit einer "Push-Pull-Situation". Sahin stürme wissenschaftlich vor, die Aufseher behalten die finanziellen und personellen Ressourcen im Auge. Diese Balanceakt funktioniere, weil jeder den anderen ganz genau kenne. "Es läuft wie beim Tiki-Taka-Spiel im Fußball."

Die Gespräche mit Brüssel werden sich allerdings noch Monate ziehen


30. März

Biontech schickt Fotos in die Welt. Während das Land im Lockdown harrt, hält ein Forscher einen Zettel von innen an die Scheibe eines Hochsicherheitslabors: "We stay at work for you." Die Teams sind strikt voneinander separiert, um Ansteckungen zu vermeiden. Sahin selbst steigt in kein Flugzeug mehr, seine Leute sollen mit dem Auto fahren statt mit Bus und Bahn.

 

Der CEO stellt die Arbeitsrhythmen um, er will "unproduktive Zeit minimieren". Nun schuften seine Teams 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, in drei Schichten. Es ist ein Bruch mit allen Konventionen eines Forschungsbetriebs, aber Zeit ist alles.

In den USA steuert Chefimmunologin Jansen ihr 650-Personen-Team fast komplett per Zoom aus ihrem Appartement in Manhattan. Nur gelegentlich fährt sie rüber in die Konzernzentrale nach Pearl River.


31. März

Sahin stellt die bescheidenen Geschäftszahlen für das Vorjahr vor. Der Umsatz ist auf 108,6 Millionen Euro gesunken. Der Verlust hat sich fast vervierfacht, auf 179,2 Millionen Euro.

Sahin versucht die Anleger zu beruhigen: Das Unternehmen verfüge über mehr als eine halbe Milliarde Euro an Barmitteln. Und vor allem: Man sehe "schnelle Fortschritte" beim Corona-Impfstoffprogramm. Ein mRNA-Impfstoff wäre eine Disruption für den Pharmamarkt. "Sie können das mit Tesla vergleichen."


9. April

Endlich stehen auch die Details der Pfizer-Kooperation. Biontech erhält 185 Millionen Dollar, in Cash und als Kapitalbeteiligung. Bei Erfolg winken Meilensteinzahlungen. Insgesamt kann Sahin auf 748 Millionen Dollar hoffen. Die weiteren Entwicklungskosten werden hälftig geteilt, wobei Pfizer erst mal zahlt und BioNTech seinen Anteil später aus den ebenfalls geteilten Einnahmen begleichen darf. Ein erster Befreiungsschlag. Oder nicht?

Analysten erwarten, dass der Impfstoff schnell zum Blockbuster wird. Die Deutschen hätten sich unter Wert verkauft. Doch eben nur, wenn sie es überhaupt schaffen.

Außerdem hat Sahin sich die Rechte an dem Impfstoff gesichert. Pfizer wird die Studien nur "on behalf of Biontech" vorantreiben. Das ist ihm wichtig: Er erhofft sich einen Schub auch für andere mRNA-Projekte. "Lightspeed" soll auch zu einer medizinischen Revolution führen – und helfen, seinen und Türecis Lebenstraum zu erfüllen.

Wegen des Einreisestopps für Europäer in die USA nutzen die Forscher von nun an die Vorstandsjets von Pfizer, um Genmaterial über den Atlantik zu fliegen. "Wir hätten es auch schicken können, aber das hätte uns drei Tage Zeit gekostet", erzählt ein Beteiligter. "Wir müssen ständig unternehmerisch optimieren."


19. April

Nur 82 Tage nach dem internen Startschuss reicht Biontech den finalen Antrag für eine klinische Studie beim Paul-Ehrlich-Institut ein. An einem Sonntag. Und auch die Behörde hält ihr Tempoversprechen. Bereits am 22. April kommt die Genehmigung, am 23. April wird der erste Proband dosiert.

"Nie zuvor in meinen mehr als 25 Jahren in der Impfstoffentwicklung habe ich erlebt, dass so schnell mit einer klinischen Studie begonnen wurde", sagt Pfizer-Managerin Jansen stolz.

Einen neuen Wirkstoff einem Menschen zu spritzen, ist heikel. In einer ersten Phase mit einem Dutzend Probanden geht es um die Sicherheit, in Phase II mit gut hundert Probanden vor allem um Sicherheit und Dosierung, in Phase III mit üblicherweise zehntausenden Probanden vor allem um die Wirksamkeit.

Biontech und Pfizer kombinieren Phase I und II, wofür sie rund 200 Freiwillige in Deutschland gefunden haben. Und sie planen ein vollkommen neues Studiendesign. "Vor dem Hintergrund der Pandemie hätten die wohlbekannten Pfade zu lang für uns gedauert", sagt Jansen. Sie testen nicht einen, sondern gleich die vier vielversprechendsten BNT162-Kandidaten parallel in der gleichen Studie. Zeigt einer Schwächen, fliegt er raus – bis nur einer übrig bleibt.

"Wir müssen beschleunigen, wir haben eine Situation, wie wir sie in der Geschichte der Medizin noch nicht gehabt haben", sagt Sahin. Er ist bereit, neue Wege zu gehen, Tempo zu machen. Vielleicht müsse man später sogar auf eine Massenstudie verzichten. "In der Pandemie ist die Nutzen-Risiko-Bewertung ganz anders als in einer normalen Situation."

Gerade in der Frühphase werden neue Impfstoffe eigentlich ausschließlich an jüngeren Patienten getestet. "Auch das Modell ändern wir", sagt Jansen. Es sollen möglichst bald ausreichend Daten auch für die besonders betroffene ältere Zielgruppe vorliegen. Das spart Jahre. Jansen: "Wir maximieren das Entwicklungstempo."


4. Mai

Angeleitet von den deutschen Forschern um Chefmedizinerin Türeci starten die Tests nun auch in den USA, von nun an Hauptschauplatz der Studie. 360 Freiwillige sind rekrutiert, in New York und Baltimore geht es los.

Parallel kümmern sich die Teams schon jetzt darum, den Impfstoff später im großen Stil herzustellen. Ohne einen Beweis, dass der überhaupt funktionieren wird. Ein Milliardeninvestment auf eigenes Risiko.

Die Produktionsexperten sichern sich Kapazitäten für hunderte Millionen Dosen. Pfizer will in drei US-Fabriken in Michigan, Missouri und Massachusetts sowie im belgischen Puurs produzieren; Biontech in Mainz und Idar-Oberstein – weitere Standorte sollen dazukommen. Außerdem Lagermöglichkeiten, ausreichend Ampullen und vor allem: die Rohstoffe zur Herstellung.

"Das Virus ist unser Feind", erklärt Jansen in diesen Tagen voller Pathos. "Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um den Krieg gegen das Virus zu gewinnen. Nicht morgen, sondern heute."


12. Mai

In Mainz stellt Sahin die Geschäftszahlen für das erste Quartal vor. Mit 53,4 Millionen Euro ist der Verlust ungefähr doppelt so hoch wie der Umsatz. Was den Impfstoff angeht, heißt es: Geduld haben


1. Juli

Erstmals veröffentlichen Biontech und Pfizer vorläufige Testergebnisse. Einer der vier Kandidaten, BNT162b1, zeigt Daten, die Sahin und Jansen als "ermutigend" bezeichnen. Offenbar erzeugt das Vakzin tatsächlich neutralisierende Antikörper auch im Menschen – es scheint zu funktionieren.

Insgesamt haben 45 Probanden den Wirkstoff erhalten, in Dosierungen zwischen 10 und 100 Mikrogramm, meist zwei Schüsse im Abstand von drei Wochen. Viele vor allem bei höheren Dosierungen bekommen Fieber, sie berichten von leichten bis moderaten, vereinzelt sogar von schweren Schmerzen. Aber die Studie muss nicht abgebrochen werden.

Erstmals trauen sich Sahin und Bourla auch öffentlich ein konkretes Versprechen zu: bis zu 100 Millionen Impfdosen noch 2020, mehr als 1,2 Milliarden 2021.

BNT162b1 ist unser Favorit, denken sie. Noch.

 

13. Juli

Auch in den USA zahlen sich die engen Beziehungen zur Zulassungsbehörde aus. Die ganze Zeit wurden die Aufseher mit Daten versorgt – absolut ungewöhnlich. Nun gibt die FDA den zwei aussichtsreichsten Kandidaten Fast Track Status.

BNT162b1 und BNT162b2. Der eine attackiert nur einen Teil des sogenannten Spike-Proteins, der andere das komplette Protein – scheinbar lässt sich das Virus auf beide Arten deaktivieren.


20. Juli

Mit Großbritannien schließt der erste Staat einen Deal mit den Unternehmen. Vorstand Marett, selbst ein Brite, hat den Deal wie alle Verträge verhandelt. Sahin greift nur ein, wenn es irgendwo hakt und Überzeugungsarbeit geleistet werden muss. Die britische Regierung sichert sich 30 Millionen Dosen eines möglichen Impfstoffs.

 

Zwei Tage darauf steht auch ein Deal mit den USA. Die Trump-Regierung sichert sich 100 Millionen Dosen mit einer Option auf 500 Millionen weitere. Allein für die erste Lieferung wird Washington 1,95 Milliarden Dollar zahlen. Keinem anderen Projekt versprechen die USA so viel Geld. Es wird zwar erst fließen, wenn wirklich ein zugelassenes Vakzin geliefert wird. Aber Sahin weiß nun: Es gibt einen Markt. Und in den USA werden sie anfangs knapp 20 Dollar pro Dosis, also knapp 40 Dollar pro Patient bekommen. Ein Riesendeal.

Anders als etwa AstraZeneca haben sie bislang keine Forschungshilfen von der US-Regierung erhalten. Besonders die Pfizer-Seite hatte sich eisern geweigert, einen Pakt mit der Trump-Regierung zu schließen. Man fürchtete Zeit zu verlieren, vor allem aber will sich Pfizer nicht bei der Preisfindung von den Behörden reinreden lassen. Von nun an gelten die knapp 20 Dollar pro Dosis auch als Benchmark für Deals mit weiteren Regierungen.

"Wenn die Sterne uns gnädig sind, könnte es im Herbst so weit sein", sagt Jansen. "Aber dann muss alles stimmen."


23. Juli

Sahin verschafft sich weiteren Spielraum. Ihm und seinem Finanzchef Poetting gelingt eine Kapitalerhöhung. Sie sammeln 512 Millionen Dollar ein. Seine Investoren wollen das Risiko ausbalancieren. Kooperationen, Lieferverträge, neue Finanzierungsrunden, später auch Fördermittel. "Wir fahren nie ohne Plan B", sagt Aufsichtsratschef Jeggle. "Wir haben immer mehrere Eisen im Feuer."

Unterdessen zeigt sich: Der zweite Impfstoff ist doch besser. Während die favorisierte b1-Variante bei bis zu 70 Prozent der Probanden leichtes Fieber auslöst, zeigen bei der b2-Variante weniger als 20 Prozent solche Nebenwirkungen. Besonders bei Risikopatienten und Älteren zeigt sich eine hohe Verträglichkeit. Warum das so ist, wissen die Forscher noch nicht. Aber sie konzentrieren sich von nun an auf BNT162b2.


28. Juli

Der ambitionierte Zeitplan aus dem Frühjahr hält. Einen Tag nachdem US-Wettbewerber Moderna seine Massenstudie begonnen hat, starten auch Biontech und Pfizer mit ihrer kombinierten Phase II/III-Studie. Mindestens 30.000 Freiwillige zwischen 18 und 85 Jahren sollen gespritzt werden, verteilt auf 120 Studienzentren, zunächst in den USA, später rund um die Welt. Allein dafür werden mehr als 100.000 Dosen produziert.

Eine solche Megastudie unter Zeitdruck ist komplex, ab sofort übernehmen die Profis von Pfizer das Kommando. Jeder Proband bekommt entweder einen Impfstoff oder ein Placebo. Weder die Forscher noch die Probanden oder die beteiligten Ärzte wissen, wer was erhält – so wollen es die Forschungsstandards.

Ziel ist es, die Wirksamkeit des Impfstoffs nachzuweisen. Das dauert. Anders als bei normalen Medikamenten werden keine Kranken behandelt, aus deren Befinden sich sofort Rückschlüsse ableiten ließen. Die Hersteller verabreichen das Serum an Gesunde – und müssen hoffen, dass die anschließend nicht krank werden.

Für eine Zulassung reicht es darum, wenn sich nur relativ wenige der zigtausend Probanden – genau 164 Menschen – mit dem Virus infizieren. Sind darunter 53 oder weniger mit dem Wirkstoff geimpft (und 111 oder mehr mit dem Placebo) ist die von der FDA verlangte 50-Prozent-Quote erreicht. Allein das dürfte vermutlich bis 2021 dauern.

Sollte ihr Stoff allerdings eine "überwältigende Wirksamkeit" vorweisen, könnte er schon früher über eine Notlizenz zugelassen werden. Dafür haben alle Hersteller Zwischenüberprüfungen in ihre Studien eingebaut. AstraZeneca wird seine Studie einmal unterbrechen, um die Daten zu analysieren, Moderna zweimal. Biontech und Pfizer sind besonders aggressiv, sie kündigen gleich vier Zwischenüberprüfungen an – zu deutlich früheren Zeitpunkten als die Konkurrenz.

Bereits nach 32 Covid-Fällen unter den Probanden soll geschaut werden. Sollten sich unter den Infizierten höchstens sechs Geimpfte befinden, ergäbe sich eine Wirksamkeit von 77 Prozent ­– die Grundlage für eine Notfallzulassung. Bei den späteren vorgesehenen Zwischenprüfungen bei 62, 92 und 120 Covid-Fällen gelten niedrigere Quoten.

Kritiker werten insbesondere die erste Analyse als überhasteten Versuch, das Serum so schnell wie möglich in den Markt zu drücken. "Das ist vielleicht die wichtigste klinische Studie der Welt", sagt Professor Eric Topol (66), Chef des Scripps-Instituts in San Diego. "Sie sollte richtig gemacht und nicht vorzeitig gestoppt werden."

Die Zahl sei tatsächlich "relativ niedrig", sagt auch Sahin, und kleine Zahlen seien "fehleranfälliger". Aber: "Wir wollten die Chance haben, es früh genug zu sehen, falls die Ergebnisse wirklich sehr gut wären."

In den USA steigt derweil der politische Druck. Alle Bundesstaaten sollen sich darauf einstellen, am 1. November – noch vor der US-Wahl – mit dem Impfen zu beginnen. Der "heilige Gral", wie seine Berater ihn nennen, soll Trump die Wiederwahl sichern.


31. Juli

Der nächste Deal mit einer Regierung: Japan sichert sich 120 Millionen Dosen. Kurz darauf folgt eine Vereinbarung mit Kanada.


5. August

Biontech macht Fortschritte mit seinem chinesischen Partner Fosun. Auch in China seien nun die klinischen Studien der Phase I begonnen worden. Nur nutzt Fosun den alten Favoriten BNT162b1 – ein Irrweg, wie sich herausstellen wird.

Für Biontech ist das kein Drama. Fosun hat als wissenschaftlicher Partner für Studien an Bedeutung verloren. Wegen der drastisch gesunkenen Fallzahlen taugt das Riesenreich nicht mehr als Testfeld. Doch China bleibt ein gigantischer Markt.


11. August

Projekt "Lightspeed" treibt Biontechs Verluste im zweiten Quartal auf gut 88 Millionen Euro. Die Kosten für Forschung und Entwicklung steigen im Vergleich zum Vorjahr um fast die Hälfte auf 160 Millionen Euro. Sahin erklärt das mit der höheren Mitarbeiterzahl. Immerhin verfügt er dank des Geldes von Pfizer und Fosun noch über liquide Mittel von 573 Millionen Euro.


20. August

Gut drei Wochen nach Start der Massenstudie sind rund 11.000 Probanden geimpft. An diesem Donnerstag werden erstmals Studiendaten zum Kandidaten BNT162b2 aus der Phase I bekannt. Nun weiß die ganze Welt, dass es gut aussieht.

"Wir sind mit der bisherigen Entwicklung sehr glücklich", sagt Sahin in diesen Tagen der SZ. Sie hätten bislang alle ambitionierten Zeitziele eingehalten. Insbesondere aber freut ihn eines: "Wir haben einen Impfstoff, der nach unseren Kriterien sehr nah am perfekten Profil ist."


27. August

Biontech und Fosun beginnen erste Lieferverträge zu schließen. 10 Millionen Dosen sollen nach Hongkong und Macau gehen. Ein Deal mit Peking existiert noch nicht.

 

7. September

In den USA sind bereits 25.000 Menschen geimpft. Nun erteilt auch das Paul-Ehrlich-Institut eine Erlaubnis, die Großstudie auf Deutschland auszuweiten. Sahin hofft, damit die hiesige Zulassung zu unterstützen. Vor allem in Berlin und Essen werden Freiwillige rekrutiert. Dazu gibt es Zentren in Südafrika, Argentinien, Brasilien, bald auch in der Türkei. Absoluter Schwerpunkt bleiben aber die USA.


8. September

Sahin, Bourla und andere CEOs führender Pharmakonzerne sehen sich genötigt, sich gegen den politischen Druck zur Wehr zu setzen. Sie verpflichten sich in einer historisch bislang einmaligen Erklärung, auch jetzt an wissenschaftlichen Standards festzuhalten, im Zweifel zulasten der Geschwindigkeit. Sie sehen ihren Ruf in Gefahr.

"Es herrscht neben dem Druck auch viel Verunsicherung bei den Menschen, dass hier Schritte bei der Entwicklung ausgelassen werden könnten", sagt Sahin. "Wir werden keine Abkürzung nehmen."


9. September

Chefverhandler Marett hat die Sondierungsgespräche mit der EU-Kommission abgeschlossen. Biontech und Pfizer sollen 200 Millionen Dosen liefern, mit der Option auf 100 Millionen weitere. Deutschland würde daraus anteilig etwas abbekommen. Die Fabriken – nicht nur in Deutschland und Belgien – arbeiten ohnehin bereits auf Hochtouren, die Massenproduktion von BNT162b2 läuft.

Parallel wird die spätere Verteilung des Stoffs vorbereitet. In den Ausmaßen ist das kaum zu unterschätzen. Die internationale Luftfahrtorganisation IATA spricht von der "Mission des Jahrhunderts", der "größten Transportaufgabe aller Zeiten".

Die mRNA-Impfstoffe haben dabei einen besonderen Nachteil: Sie bleiben nur bei minus 70 Grad stabil. Die Fläschchen müssen tiefgefroren aus der Fabrik bis in die Impfzentren und Krankenhäuser kommen. Eine solche Kühlkette zu schaffen, sei nicht unmöglich, sagt Poetting, "mit guter Planung kann man das aufbauen". Pfizer entwickelt sogar extra eine passende Box, die zig tausendfach produziert wird.

Um flexibler zu werden, testet Biontech, wie sich das Serum bei minus 20 Grad, bei zwei und acht Grad verhält. Erste Daten sind ermutigend. Auch bei Kühlschranktemperatur müsste es zumindest eine Zeit lang gehen, rechnet Sahin.

Ansonsten spielt ihm einmal mehr das Bündnis mit Pfizer in die Hände. Der US-Konzern verfügt über ein computergesteuertes Vertriebsnetz und Verträge mit hunderten Speziallieferanten. Man betreibe "eines der ausgereiftesten Lieferkettensysteme" der Branche, heißt es. Es gebe detaillierte Logistikpläne für Tag X.

 

15. September

Acht Monate nach Start des Projekts erhält auch Biontech Geld von der Bundesregierung: 375 Millionen Euro über ein Sonderprogramm des Forschungsministeriums. Die Firma soll neben dem anfangs gehypten CureVac, wo der Bund bereits Mitte Juni als Teilhaber eingestiegen war, nicht ins Hintertreffen geraten. Den Weg dahin beschreiben Insider allerdings als schwierig.

Berlin will sich neben dem EU-Kontingent weitere Impfstoffe sichern – und feilscht um den Preis. Orientierungspunkt sind die 5 Euro pro Dosis, die traditionelle Impfstoffe kosten. Fördern und fordern. Biontech kalkuliert eher mit 15 bis 20 Euro.

Offiziell geht es vor allem um anderes: Das Geld sei ein "wichtiger Beitrag" um den Ausbau der Produktionskapazitäten in Deutschland zu beschleunigen, so Sahin.

Was das bedeutet, erfährt die Öffentlichkeit am Folgetag. Biontech übernimmt von Novartis die traditionsreichen Behringwerke in Marburg. Sie sollen zur größten Fabrik für mRNA-Impfstoffe in Europa werden. Im ersten Halbjahr soll die Fabrik 250 Millionen Dosen liefern können, bei voller Betriebsfähigkeit dann bis zu 750 Millionen im Jahr. Parallel baut auch Pfizer seine Kapazitäten beständig aus.

Um Kritik an ihrer Hochgeschwindigkeitsforschung zu entkräften, sehen sich Biontech und Pfizer genötigt, ihr komplettes, normalerweise streng geheimes Studiendesign ins Internet zu stellen. Sahin und Türeci stört das nicht. "Ich habe noch nie in meinem Leben eine Situation gesehen, wo so offen über Daten gesprochen wird", sagt der CEO. "Wir wissen genau, was die Kollegen aus anderen Firmen machen."


30. September

Im TV-Duell des US-Wahlkampfs erhöht Trump nochmals den Druck. Er habe gerade wieder mit Pfizer gesprochen, verkündet er vor Millionen Zuschauern. Der Impfstoff sei in wenigen Wochen fertig. "Alles nur politisch."

Dort ist man fassungslos. Bourla sieht sich gezwungen, einen offenen Brief an seine Angestellten zu schreiben: Pfizer werde sich "niemals politischem Druck beugen", allein die Forschungsergebnisse würden das Tempo bestimmen.

Die Anspannung ist inzwischen überall zu spüren. "Am Anfang der Pandemie schienen ja noch alle an einem Strang zu ziehen, das galt für Wissenschaftler, Unternehmen und viele andere. Aber dann kam irgendwie die Politik dazwischen", sagt Jansen der FAZ. "Wenn wir diesen Kampf gewinnen wollen, dann sollte sich die Politik heraushalten. Das ist wichtig für die ganze Menschheit."


6. Oktober

Vor der europäischen Zulassungsbehörde EMA beginnt das sogenannte "rollierende Verfahren". Von nun an werden die Forscher den Beamten permanent Daten übermitteln, damit alles im Ernstfall ganz schnell gehen kann. In Kanada und den USA beginnen in den Folgetagen ähnliche Verfahren.

Wie gut die Wirksamkeit des Vakzins sein muss, liegt im Ermessen der Aufseher. Eine 50-Prozent-Regel wie in den USA gibt es in Europa nicht, bei einem "günstigen Nutzen-Risiko-Verhältnis“ wäre auch weniger möglich. Doch Sahin peilt ohnehin mehr an. "Ein guter Impfstoff sollte eine Immunisierungswirkung von mindestens 70 bis 75 Prozent haben“, sagt er. "Das ist auch der Maßstab, den wir uns gesetzt haben."

In den USA erhöht derweil die Zulassungsbehörde FDA die Hürden für eine Notfalllizenz. Probanden sollen länger wegen möglicher Nebenwirkungen beobachtet werden. Damit wird ein Impfstoff vor den Wahlen praktisch unmöglich. Trump twittert: "Nur eine weitere heimtückische politische Attacke."

 

27. Oktober

"Wir haben die letzte Meile erreicht", sagt Bourla in der Telefonkonferenz anlässlich von Pfizers Quartalszahlen. 36.000 Probanden sind geimpft. Viele Analysten hatten bereits die Zwischenergebnisse der Studie erwartet. Ein schlechtes Zeichen? "Lassen Sie uns Geduld haben", sagt Bourla. "Ich weiß, die Stress-Level steigen. Ich weiß, wie dringend die Welt einen Impfstoff braucht.“

Vor der Biontech-Zentrale in Mainz steht inzwischen ein Container mit Wachleuten, der Verfassungsschutz soll mögliche Hackerangriffe abwehren. "Die Welt ist momentan so verrückt", sagt ein Manager. "Nicht alle sind uns wohlgesonnen, denken Sie an die Impfgegner und Verschwörungsapostel.“


3. November

In China erklärt Fosun, die eigene Studie abzubrechen. Man hoffe nun auf eine Zulassung der im Westen getesteten b2-Variante. Man müsse nur prüfen, ob die Testergebnisse auf die chinesische Bevölkerung übertragbar sind. Dann könne der Impfstoff "fast gleichzeitig" mit dem Westen eine Zulassung erhalten.


9. November

Schon am Freitag zuvor – kurz nachdem feststand, dass Donald Trump die US-Wahl verloren hat – hatte das Data Safety Monitoring Committee die Daten der mit Covid-19 infizierten Probanden entblindet. An diesem Montag nun teilen Biontech und Pfizer die Ergebnisse mit. Statt den erwarteten Zwischenergebnissen für 32 Probanden präsentieren sie Daten für bereits 94 Probanden, die sich mit dem Virus infiziert haben – und die Daten übertreffen alle Hoffnungen. Mehr als 90 Prozent Wirksamkeit, was rechnerisch bedeutet: Unter den Infizierten dürfen nicht mehr als acht sein, die zuvor mit dem Wirkstoff geimpft wurden.

Nun werden die Daten intern analysiert und mögliche Sicherheitsrisiken geprüft. Dann wollen Biontech und Pfizer bei der US-Behörde FDA ihre Notfallzulassung beantragen. Die Studien laufen derweil weiter. Die beiden Unternehmen korrigieren allerdings ihr Lieferversprechen. In diesem Jahr werden sie nur 50 Millionen Dosen liefern können, halb so viele wie immer wieder angekündigt. Für 2021 peilen sie weiter 1,3 Milliarden an.

Ob nun zuerst die USA oder die EU beliefert werden, hängt davon ab, wo zuerst eine Zulassung erteilt wird. Wer danach den Impfstoff bekommt, entscheiden die Impfprogramme der jeweiligen Regierungen. Weder Biontech noch Pfizer haben Einfluss darauf. Allerdings sind die Biontech-Leute in die Gespräche und Pläne der Bundesregierung involviert.

Noch werden die bereits produzierten Dosen in einem geheimen Zentrallager aufbewahrt. Sobald die Genehmigung da ist, wird die unternehmenseigene Qualitätssicherung sie freigeben. Biontech sieht sich in der Lage, binnen Stunden 60 regionale Lager- und Verteilzentren innerhalb Deutschlands zu beliefern. Neben dem, was Deutschland über die EU-Schlüssel zusteht, soll die Regierung sich bilateral mindestens weitere 30 Millionen Dosen gesichert haben.

In der Folge werden die Manager sich nach der Notfallzulassung auch um eine kommerzielle Lizenz bewerben, dafür sind deutlich mehr Daten nötig. Die Aussichten aber sind verlockend. Nach Schätzungen von Morgan Stanley könnte BNT162b2 den beiden Herstellern allein im kommenden Jahr 13 Milliarden Dollar Umsatz bescheren. Es wäre damit aus dem Stand das umsatzstärkste Medikament der Welt.

In den Labors sind sie ohnehin schon weiter. Ein neues Serum soll die guten Eigenschaften aller bisherigen Kandidaten vereinen. Es wäre ein Corona-Impfstoff der zweiten Generation.

Sollte mit BNT162b2 wirklich erstmals ein Medikament auf mRNA-Basis den Markt erobern, sind Ugur Sahin und Özlem Türeci, die beiden Ausnahmeforscher und Ausnahmeunternehmer ihrem Ziel ganz nahe. "Wir wollen ein großes europäisches Pharmaunternehmen aufbauen", sagt Sahin. "Das war von Anfang an unser Ziel."