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Lehman Brothers, Fukushima oder Corona: Was hat die Trader in den letzten 20 Jahren am meisten bewegt?

von am ‎03.06.2020 10:42
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Lehman Brothers, Fukushima oder Corona: Was hat die Trader in den letzten 20 Jahren am meisten bewegt? Eine Studie der Consorsbank klärt auf.

 

Die Corona-Pandemie hat nicht nur das Leben von Milliarden Bürgern und Millionen Unternehmen rund um den Globus auf den Kopf und vor enorme Herausforderungen gestellt. Sie hat auch die Finanzmärkte durchgeschüttelt und professionelle wie private Anleger in Aufregung versetzt. Und das so sehr wie kein anderes Ereignis zuvor in den vergangenen 20 Jahren. Das zeigt eine Auswertung der Tradingaktivitäten der Consorsbank-Kunden im Zeitraum der Jahre 2001 bis 2020. Dabei wurde auf Wochenbasis untersucht, wann die Transaktionszahlen gegenüber den Durchschnittswerten im jeweiligen Jahr am höchsten ausschlugen. In den letzten 20 Jahren übertrafen sie in 13 Kalenderwochen das „Normalniveau“ um über 60 Prozent.

 

Die drei größten Ausschläge

 

So überstiegen die Käufe und Verkäufe von Wertpapieren in der 11. Kalenderwoche 2020 (KW 11/2020) den Durchschnittswert der zurückliegenden zwölf Monate um mehr als 170 Prozent. Am 12. März hatte der Dax – ausgelöst durch die Sorgen rund um die Corona-Pandemie – nach Punkten den bislang größten Tagesverlust seiner Geschichte verzeichnet. Dieser Absturz sorgte auch beim Trade-Aufkommen für den Rekordwert der vergangenen 20 Jahre.

Ein historischer Crash als Auslöser findet sich auch auf Rang zwei der Liste der größten Handels-Ausreißer. Nachdem die US-Rating-Agentur Standard & Poor’s Anfang August 2011 die Bonität der USA von AAA auf AA+ herabgestuft hatte, ging es auch an den Börsen bergab. Am 8. August 2011 – der in die Börsen-Geschichte als ein „schwarzer Montag“ einging – werden weltweit fast eine Billion Euro an Börsenwert vernichtet. Bei den Trades in KW 32/2011 sorgte das für ein Plus von 115 Prozent zum wöchentlichen Mittelwert des Jahres.

 

Auf dem 3. Rang mit einem Peak von 114 Prozent gegenüber dem durchschnittlichen Handel kam die KW 11 desselben Jahres. Ursache für die drastisch erhöhten Kauf- und Verkaufszahlen seinerzeit war ein Ereignis, das Japan an den Rand einer atomaren Katastrophe brachte: die Kernschmelze im Reaktor Fukushima Daiichi. Ein Tsunami infolge eines Erdbebens am 11. März 2011 hatte das Kraftwerk erheblich beschädigt. Nicht nur die asiatischen Börsen waren in den Tagen nach der Katastrophe deutlich gefallen. Weltweit ging es mit den Kursen bergab.

 

Was Anleger außerdem aktiv werden ließ

 

Welche weiteren Ereignisse und Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre veranlassten die Anleger zu außergewöhnlich vielen Käufen und Verkäufen? Das zeigt die Grafik:

 

Consorsbank-Studie.jpg

Aus den Daten ergeben sich einige interessante Erkenntnisse:

 

Corona-Krise sorgt für die heftigste Bewegung

 

Die Corona-Pandemie ist der einzige Auslöser, bei dem der Jahresmittelwert der wöchentlichen Trades um mehr als 150 Prozent überschritten wurde. In der Rangliste der wöchentlichen Höchstwerte bei den Handelsausschlägen belegt das Phänomen Corona eigentlich auch die Plätze 2 bis 4. Für die Darstellung in der Grafik wurde exemplarisch jedoch nur die Kalenderwoche 11 berücksichtigt, in der es die deutlichsten Abweichungen gab. 

 

Mehr „Spannungsabbau“ als punktuelle Ereignisse

 

Auch wenn man es zunächst vielleicht anders vermuten würde, sind es weniger punktuelle Ereignisse wie Naturkatastrophen, Terroranschläge, weitreichende politische Entscheidungen oder große Pleiten exponierter Unternehmen, die zu besonders hoher Handelsaktivität führten. In der Mehrzahl der Fälle sorgten längerfristige wirtschaftliche Entwicklungen für Ausschläge, die in bestimmten Wochen kulminierten, ähnlich wie bei einem Blitz oder einem Erdbeben, bei dem sich eine länger aufgebaute Spannung plötzlich entlädt.

Neun der höchsten 13 Ausschläge fallen in diese Kategorie, wie etwa Korrekturen nach längeren Börsenrallys oder schwelende Sorgen um ein überbordende Staatsverschuldung und damit verbundene Konjunktursorgen, die sich mit einem Mal entladen.

Bestimmte punktuelle Ereignisse zeigen auch erst später heftigere Wirkung, wie etwa die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008. Das große Beben mit besonders hohen Handelsaktivitäten folgte hier erst im Oktober.

 

Anschläge verunsichern Anleger zunehmend weniger

 

Das einzige Tradinghoch in der Liste der ersten 13, das auf ein Terrorereignis zurückgeht, ist die Anschlagserie in Madrid im März 2004. Islamistische Terroristen hatten seinerzeit im morgendlichen Berufsverkehr Sprengsätze in mehreren Zügen gezündet. Schwere Anschläge in den Folgejahren wie etwa in London im Juli 2005, in Moskau im März 2010, In Oslo im Juli 2011 oder im November 2015 in Paris sorgten zwar für Ausschläge nach oben im Handel, aber nie wieder so heftig wie die Ereignisse in Madrid. Scheinbar gibt es einen gewissen Gewöhnungseffekt bei den Anlegern gegenüber Terrorereignissen.

 

Überraschend unsichtbare Ereignisse

 

Obgleich das Attentat auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 mit Sicherheit einer der schlimmsten und nachhaltigsten Terroranschläge der jüngeren Geschichte ist, sorgte er nicht für einen Ausschlag bei den Handelszahlen der Consorsbank-Kunden, der zu den 13 größten zählt. 

Eine mögliche Erklärung: Der Handel an den US-Börsen wurde seinerzeit für einige Tage ausgesetzt, die deutschen Anleger reagierten nach einem ersten Schock verzögert auf das Ereignis, dessen Dimension sich erst im Verlauf der folgenden Tage und Wochen wirklich erschloss. Zudem war dem 11. September schon ein längerer Kursverfall an den Börsen vorausgegangen.

Auch die Tage rund um das Brexit-Votum in Großbritannien 2016, die Annexion der Krim durch Russland 2014 oder die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten 2016 sucht man in der Rangliste der größte Tradingausschläge als Auslöser vergebens. Mediale Aufmerksamkeit und weltpolitische Bedeutung sind offenbar nicht immer zwingend auch extremer Börsentreibstoff.

 

Mehr Mut als Angst?

Auffällig bei der Analyse der Tradezahlen ist auch, dass in den allermeisten Wochen besonders hoher Handelsaktivität die Zahl der Käufe die der Verkäufe übersteigt. So fielen etwa in den ersten Corona-Wochen von Ende Februar bis Ende März nur in der 9. Kalenderwoche zum Auftakt der Krise die Verkäufe minimal höher aus als die Käufe, während in den Folgewochen die Käufe bei Weitem überwogen. Die Zahl der Trades gibt zwar keinen Aufschluss über die bewegten Volumina, aber angesichts der deutlich höheren Kaufaufträge liegt die Vermutung nahe, dass die Anleger bei heftigen Turbulenzen an den Märkten eher die Chancen für einen günstigen Einstieg sehen als dass sie Gewinne sichern bzw. Verluste begrenzen wollen.

 

In diesem Zusammenhang auch eine weitere Beobachtung: Auf der Liste der großen Handelsbeschleuniger und -treiber stehen ausschließlich negative Ereignisse und Entwicklungen. Euphorie und positive Nachrichten veranlassen Anleger offenbar in der Breite nicht zu kurzfristiger hoher Aktivität. Deutliche Sprünge infolge positiver Nachrichten sind eher zu beobachten, wenn es um einzelne Unternehmen oder Branchen geht.

 

 

Kommentare
von
am ‎18.06.2020 09:25

Ich finde gut, dass dieses Mal nicht die institutioneller Anleger die treibende Kraft an der Börse sind, sondern die Privatanleger. Die mit sehr viel Taktik und Geduld in den Markt investieren und die Chancen der Krise nutzen.