Das Ende des Diesels, aber nicht der deutschen Autobauer

von am ‎21.11.2017 12:56
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Die deutsche Automobilindustrie steckt in einer tiefen Krise, doch das drohende Dieselverbot kann durchaus einen wichtigen Impuls für eine erfolgreiche Neuausrichtung liefern.

 

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Nach dem bahnbrechenden Urteil des Stuttgarter Verwaltungsgerichts vom 28. Juli 2017 erübrigen sich alle Zweifel: Der Diesel hat langfristig als Antriebsart von PKW keine Chance mehr. Das Gericht entschied, dass in Stuttgart ab 1. Januar 2018 Fahrverbote für Dieselfahrzeuge dafür sorgen sollen, dass die Luft endlich sauberer wird. Schon seit vielen Jahren überschreitet die Großstadtluft die geltenden Grenzwerte deutlich. Diese Regelung betrifft alle Dieselfahrzeuge, die nicht die Euro 6-Norm erfüllen. Zwar stehen den Beklagten sowohl die Berufung als auch die Sprungrevision offen, um dieses Urteil anzugreifen. Doch nach einhelliger Auffassung von Juristen halten sich die Erfolgsaussichten dabei in Grenzen. Vielmehr sind ähnliche Urteile in laufenden Abgas-Prozessen in München, Hamburg und anderen Großstädten wahrscheinlich. Aus diesen Gründen ist in wenigen Monaten beziehungsweise Jahren mit einem flächendeckenden Fahrverbot für ältere Dieselfahrzeuge zu rechnen.

 

Das Dieselverbot und der Arbeitsmarkt

 

Stickoxide belasten die Atemluft, insbesondere in Großstädten und Ballungsräumen, in erheblichem Umfang. Mediziner warnen, dass diese Luftverunreinigungen inzwischen mehr Todesopfer pro Jahr fordern als Verkehrsunfälle. Aus diesem Grund gilt es mittlerweile als unstrittig und alternativlos, dass die Automobilindustrie kurzfristig wirksame Verfahren der Abgasreinigung bei der Herstellung von Dieselautos etablieren muss. Auf lange Sicht scheint der Dieselmotor nach Ansicht von vielen Umweltschützern sogar vollkommen verloren zu haben. Dies stellt die deutsche Automobilindustrie und mit ihr die gesamte Wirtschaft vor riesige Probleme. Gesellschaftlich und politisch gleichermaßen brisant ist die Frage, wie viele Arbeitsplätze der Paradigmenwechsel voraussichtlich kosten wird und ob es den deutschen Autobauern gelingen wird, zumindest teilweise neue Arbeitsplätze zu schaffen. Als besonders unglücklich bewerten die Beobachter des Arbeitsmarktes die Tatsache, dass diese durch den Diesel ausgelöste negative Entwicklung mit der Digitalisierung zusammentrifft, die ebenfalls Arbeitsplätze in großem Umfang vernichten wird. 

 

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Seriösen Schätzungen zufolge hängen in Deutschland rund 600.000 Arbeitsplätze von der Produktion von Verbrennungsmotoren (Diesel und Benziner) ab. Damit weist jede zehnte Arbeitsstelle in der deutschen Industrie einen direkten Bezug zu diesen Antriebsarten auf, die zahlreiche namhafte Experten als nicht mehr zukunftsfähig einstufen. Daran ändern auch Bemühungen von einzelnen Herstellern nichts, die Entwicklung von neuartigen Kraftstoffen voranzutreiben, bei deren Verbrennung deutlich weniger schädliche Emissionen entstehen.

 

Deutsche Industrie besser aufgestellt als vielfach behauptet

 

Häufig wird der deutschen Industrie Innovationsschwäche bei Zukunftstechnologien im Bereich von modernen Antrieben für Fahrzeuge vorgeworfen. Besonders bei der E-Mobilität scheinen amerikanische Unternehmen die Vorreiterrolle einzunehmen.

Die Annahme ist jedoch unbegründet: Weltweit nehmen deutsche Ingenieure nach wie vor eine Spitzenposition in der Automobilbranche ein und melden einen Großteil der diesbezüglichen Patente an. Auf Schwierigkeiten stoßen die deutschen Autobauer dagegen eher bei der praktischen Umsetzung der innovativen Verfahren in alltagstaugliche und vor allem kostengünstige Antriebe. Hinzu kommt die bis heute unbefriedigende Infrastruktur, die kaum auf die Anforderungen der E-Mobilität ausgerichtet ist. Nur wenn der Staat die Anzahl der öffentlich zugänglichen Ladestationen deutlich ausweitet und auch ansonsten günstige Rahmenbedingungen für den Kauf und den Betrieb von E-Autos schafft, wird die Nachfrage hierzulande steigen.

 

Dabei setzen die deutschen Autobauer nicht ausschließlich auf Elektromobilität. Sie leisten erhebliche Anstrengungen, um auch andere Antriebsarten zu entwickeln. Dies gilt insbesondere für die Wasserstoff-Technologie, mit der sich Kraftfahrzeuge ausgesprochen umweltfreundlich betreiben lassen. Auch die Hybrid-Technik scheint noch nicht endgültig vom Tisch zu sein. Sie bietet die Möglichkeit, die Abgaswerte zu drosseln. Hybridfahrzeuge bleiben attraktiv, solange weder die Reichweite noch die Ladezeit von Elektromotoren befriedigende Werte erreichen. Dabei erstrecken sich die Entwicklungsaktivitäten auch auf Nutz- und Lastfahrzeuge, deren Dieselausstoß bislang einen großen Anteil an der Luftverpestung hat. Genauso fortschrittlich sind die Bemühungen, das Gewicht der PKW wesentlich zu verringern, um den Verbrauch von Kraftstoff zu verringern. In diesem Zusammenhang ist insbesondere BMW zu nennen.

 

Wenn es der deutschen Automobilindustrie gelingt, diese neuartigen Antriebstechnologien in bezahlbare Fahrzeuge in gewohnt überlegener Qualität umzusetzen, werden sie ihre Marktanteile weitgehend halten können. Der Verlust an Arbeitsplätzen wird auch dann eintreten, da die Produktion weniger Beschäftigte erfordert.  Besonders auch im Bereich der Wartung werden viele Kosten und damit Arbeitsplätze wegfallen, da Dienstleistungen wie beispielsweise der Ölwechsel wegfallen. Der Umfang des Arbeitsplätzeverlusts wird voraussichtlich aber so begrenzt sein, dass er verkraftbar bleibt - die Herstellung und Wartung der Elektrik und anderer Bauteile wie der Reifen bleibt weiterhin erforderlich.

 

Fazit:

 

  • Der Druck auf die deutsche Automobilindustrie, neue alternative Antriebstechnologien einzubauen, ist extrem hoch.
  • Nur wenn die Autobauer schnell reagieren und entsprechende Fahrzeuge mit einem akzeptablen Preis-Leistungs-Verhältnis auf den Markt bringen, können sie ihre Position im Wettbewerb behaupten.
  • Gelingt dies, werden die Auswirkungen der Umstellung auf den Arbeitsmarkt weniger dramatisch ausfallen als zunächst befürchtet.

 

Wie sehen Sie die Zukunft von PKWs mit Dieselmotoren? Sind Sie vielleicht schon ganz umgestiegen und interessieren sich für Fahrzeuge mit Elektroantrieb? Teilen Sie uns und anderen Usern gern Ihre Meinung mit.

 

Kommentare
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am ‎21.11.2017 19:12

Eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 130km/h auf deutschen Autobahnen könnte in der Zwischenzeit wenigstens den Verbrauch verringern, das Fahren sicherer und die Luft sauberer machen. Lobby und Politik verhindern leider diese nötige und einfache Möglichkeit.