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Bilanzskandal bei Wirecard: Wie geht es weiter?

von ‎14.07.2020 12:13 , bearbeitet ‎14.07.2020 12:19
4 Kommentare , 1 Like

Wirecard ist in Not. Der DAX-Konzern überrumpelte seine Gläubiger mit einem Insolvenzantrag – und sorgt damit auch unter Investoren für Aufruhr. Kam der tiefe Sturz wirklich so überraschend oder zeichnete sich schon früher eine Trendwende ab? Welche Lehren Sie aus dem Wirecard-Debakel ziehen können und was Ihnen als Anleger jetzt an Möglichkeiten bleibt, verraten wir Ihnen im Folgenden.

 

Eine Chronologie der Ereignisse

Wirecard galt lange Zeit als gewinnbringender Titel für Anleger. Selbst Börsenneulinge konnten mit der Aktie des Zahlungsdienstleisters eigentlich kaum etwas falsch machen. Seit dem IPO (Börsengang) vor 15 Jahren kannte der Börsenwert nur die Aufwärtsrichtung: Insbesondere in den Jahren zwischen 2017 und 2019 legte der Wert der Aktie zeitweise um mehr als 400 Prozent zu.

 

Innerhalb weniger Wochen aber drehte sich das Blatt: Die Medien berichten aktuell vom „Aufstieg und Fall eines Börsenstars“. Wie es dazu kommen konnte, verrät ein Rückblick auf die Anfänge des einstigen Börsenlieblings:

 

  • 1999 startete der Finanzdienstleister in München mit großen Zukunftsvisionen.
  • 2005 präsentiert sich Wirecard erstmals an der Börse. Das Unternehmen schließt sich durch Kapitalerhöhung der bereits börsennotierten InfoGenie AG an – und nennt sich ab sofort Wirecard AG.
  • 2008 erfährt das Unternehmen erstmals öffentliche Kritik an seiner Bilanz und dem Aktienwert. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) wirft Wirecard vor, seine Bilanzierung verfälscht zu haben. Daraufhin stürzte die Aktie kurzzeitig um fast 70 Prozent ein.
  • 2011 bis 2014 sammelt der DAX-Konzern bei seinen Shareholdern 500 Millionen Euro ein. Mit dem Geld expandiert das Unternehmen. Dabei hat es Wirecard vor allem auf asiatische Zahlungsdienstleister abgesehen. Die Deals stellen sich mitunter als undurchsichtig dar.
  • Anfang 2019 veröffentlicht die Financial Times eine Serie an Artikeln, die über Bilanzfälschungen von Wirecard in Asien berichten. Daraufhin verliert die Aktie rapide an Wert.

Wirecard fehlen 1,9 Milliarden Euro

Obwohl der Wert bereits im letzten Jahr schwächelte, zeigte sich Wirecard unbeirrt. Sogar die Corona-Krise schien das Unternehmen nur geringfügig zu beschäftigen. Im ersten Quartal 2020 meldete Wirecard zwar ein langsameres Wachstum, an seiner Jahresprognose hielt der Vorstandschef Markus Braun jedoch fest. Der Onlineshopping-Boom sollte das schwächelnde Geschäft mit der Reisebranche abfedern. Das Kursziel lag zuletzt bei 220 Euro – und Analysten bestätigten ihr „Buy-Rating“.

Dann kam die Meldung, die Börsenbeobachter angeblich kaum überraschte: Wirecard sei in einen Bilanzskandal verwickelt. Der Wirtschaftsprüfer EY wollte dem DAX-Konzern daraufhin kein Testat für seine Jahresbilanz geben. Grund dafür: die Summe von 1,9 Milliarden Euro. Die sollte angeblich auf Treuhandkonten in den Philippinen angelegt sein. Die Bestätigung über das Geld erwies sich letztlich als gefälscht – EY meldete dies Wirecard und informierte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Kurz darauf beschäftigte sich auch schon die Staatsanwaltschaft in München mit dem Fall.

 

 

Wirecard.jpg

 

Wie kam es zum Insolvenzfall?

Nach geplatzten Verhandlungen mit Banken kündigte Vorstandschef James Freis schließlich an, dass Wirecard den Insolvenzantrag stellen muss. Die Wirecard Bank AG ist davon zunächst nicht betroffen – was bedeutet, dass die Kundeneinlagen der Konzernmutter nicht zur Verfügung stehen.

Was ist aber mit Anlegern, die Geld in die Wirecard-Aktie investiert haben? Im Insolvenzfall haben Investoren das Nachsehen. Die Aktie präsentierte sich zuletzt im Zickzack-Kurs zwischen einem und neun Euro. Wer nicht rechtzeitig vor dem 18. Juni ausgestiegen war – als Wirecard das mögliche Fehlen von 1,9 Milliarden Euro bekannt gab – dem bleibt im Depot nur noch ein großer Verlust.

 

Welche Lehren lassen sich aus dem Wirecard-Crash ziehen?

„Diversifikation“ lautet das Zauberwort für ein stabileres Portfolio: Wenn Sie nur auf einige, wenige Titel vertrauen, ist das Risiko ungleich höher als bei der Anlage in unterschiedliche Wertpapiere. Ein Unternehmen kann insolvent gehen. Dagegen ist es unwahrscheinlich, dass ein kompletter Markt einbricht. Eine interessante Möglichkeit bieten Ihnen dafür ETFs, die einen ganzen Börsenindex abbilden. Daneben ist es wichtig, Lehren aus dem Wirecard-Crash zu ziehen und sein Portfolio sinnvoll auszurichten. Empfehlenswert ist dafür vor allem eine Risikostreuung.

 

Fazit

  • Noch ist nicht abschließend geklärt, wie es zum Bilanzskandal bei Wirecard kommen konnte und wer daran die Schuld trägt.
  • Als Anleger haben Sie möglicherweise Anspruch auf eine Entschädigung.
  • Durch eine Einzel- oder Sammelklage können Sie auf Schadensersatzansprüche klagen.

 

Wie ist Ihre Strategie zur Wirecard-Aktie – verkaufen oder halten? Wir und unsere Community freuen uns darauf, Ihre Meinung zu lesen!

 

Was passiert mit meinen Anteilen, wenn ein Unternehmen Insolvenz anmeldet? Erfahren Sie mehr in unserem Blog "Insolvente AGs - Wie können Anleger reagieren?"

 

Kommentare
von
‎16.07.2020 19:32 , bearbeitet ‎16.07.2020 19:33

Laut Spiegel ist es gar nicht so unwahrscheinlich das die Milliarden oder zumindest ein Teil davon tatschlich existieren. Sollte man die finden (was ich für eher unwahrscheinlich halte) könnte die Aktie zumindest wieder auf das Niveau vor der Insolvenz steigen. 

Außerdem besteht noch eine Chance auf einen Käufer, das Produkt war ja nicht per se schlecht.  Dann könnte es langsam wieder aufwärts gehen.

Worst Case: Das Unternehmen wird zerschlagen, liquidiert, Delisting eingeschlossen.

Trotzdem wäre es Unsinn bei den Verlusten jetzt noch den kläglichen Rest zu verscherbeln, darauf kommt es (mir) jetzt auch nicht mehr an...

von
vor 2 Wochen

Ich sehe das eigentlich genauso wie @Tagammeer2007 . Aus Interesse: Gilt das gleiche auch zum jetztigen Zeigpunkt noch, wo das Insolvenzverfahren schon eröffnet ist? Kann hier überhaupt noch ein Unternehmenskauf bzw. -verkauf durchgeführt werden? 

von
vor 2 Wochen

Natürlich, der Insolvenzverwalter wird eifrig einen Käufer suchen schätze ich :-)

 

von
vor einer Woche

(...) Trotzdem wäre es Unsinn bei den Verlusten jetzt noch den kläglichen Rest zu verscherbeln, darauf kommt es (mir) jetzt auch nicht mehr an...

 

Aus steuerlicher Sicht ist diese Einstellung nicht besonders clever. Gerade wenn man trotz allem immer noch die Hoffnungskarte spielt, wäre die Logik:

 

Verlust realisieren und den dadurch im Verlustverrechnungstopf entstehenden Verlustvortrag mit zukünftigen Aktiengewinnen (steuerfrei) abbauen.

 

Wer es partout nicht lassen kann, kann sich ja eine persönlich vertretbare neue Position WDI ins Depot legen.

 

 

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