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Jahresausblick 2017

Was hat uns 2016 am meisten überrascht?

 

2016 hielt für Anleger viele Überraschungen bereit, nicht nur den Brexit und die Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten. Überraschend war auch, dass das Wirtschaftswachstum in den USA mit voraussichtlich 1,60%deutlich niedriger ausfallen wird als mit den ursprünglich vorhergesagten 2,80%2. Die Ursache war u.a. ein Ausbleiben von Investitionen infolge des Ölpreisverfalls 2015 und Anfang 2016. Gleichzeitig erreichten die beiden Leitinidizes für US-Aktien, der S&P 500 und der DowJones Industrial Average, neue Allzeithochs. Dabei entwickelte sich die Gewinnsituation der Unternehmen entgegengesetzt zu den Kursen: Die Unternehmensgewinne fielen fünf Quartale in Folge3.

 

Erst im dritten Quartal 20164 stiegen die Gewinne wieder im Vergleich zum Vorjahr. Einen wichtigen Beitrag dazu hat wohl die amerikanische Notenbank Federal Reserve geleistet. Zum Jahresbeginn 2016 wurden drei Leitzinserhöhungen im weiteren Verlauf des Jahres erwartet. Tatsächlich hob die Zentralbank nur ein einziges Mal um 0,25%5 an.

 

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Die Anlageklasse des Jahres, gemessen an der Gunst der Investoren, waren in Bezug auf  Mittelneuzuflüsse nicht wie erwartet die Aktien. Das meiste Geld floss in das Anleihesegment. Weltweit konnten sich Anleihefonds und -ETFs in den ersten 10 Monaten 2016 über Mittelzuflüsse von netto 421,9 Mrd. US-Dollar freuen, ein Fünfjahresrekord. Dagegen verzeichneten Aktienfonds im gleichen Zeitraum den ersten Nettomittelabfluss seit 2012 in Höhe von 126,6 Mrd. US-Dollar. Besonders Standardwerte aus den USA und Europa wurden abverkauft. Gegen den Trend konnten Aktien aus Schwellenländern Mittelzuflüsse verbuchen.6

 

Die Aktien der Eurozone schnitten konträr zum mehrheitlichen Marktkonsens schlechter ab. Vor allem die unzureichende Kapitalausstattung der italienischen Banken und die - über weite Strecken des Jahres - niedrigen Rohstoffpreise haben neben unternehmensspezifischen Problemen die Märkte belastet. Der regionale Sieger unter den Aktienmärkten war Ende November Lateinamerika. Trotz aller ungelöster Probleme in Brasilien - von Korruption über schlechte Regierungsführung bis zur Wachstumsschwäche - floss dem Land viel Anlegergeld zu. Bislang ist es lediglich die Hoffnung auf Besserung. Die Fakten und Reformschritte müssen noch folgen.

 

Was bringt 2017 wirtschaftlich?

 

Die gute Nachricht zum Jahreswechsel lautet: Die Stimmung in den Unternehmen ist rund um den Globus sehr gut. Gemessen an den Einkaufsmanager-Indizes blicken die Firmen in allen Regionen optimistisch auf das erste Halbjahr 20177. Und auch der Internationale Währungsfonds rechnet mit einer Belebung des Wirtschaftswachstums. Nach voraussichtlich 3,10% im Jahr 2016 soll die Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr weltweit um 3,40% zunehmen8. Der Antrieb für diese moderate Beschleunigung wird vor allem aus den USA kommen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Prognose noch vor den US-Wahlen erstellt wurde.

 

Mittlerweile gehen die Kapitalmärkte davon aus, dass das Wirtschaftsprogramm des zukünftigen US-Präsidenten Donald Trump zumindest kurzfristig einen positiven Effekt auf das Wirtschaftswachstum haben wird. Die Hoffnung ruht vor allem auf steigenden staatlichen Investitionen in die Infrastruktur und auf Steuersenkungen. Die Schattenseite der Maßnahmen sind negative Effekte einer angeheizten Inflation. Bereits jetzt ist die Arbeitslosigkeit gering, die Löhne steigen und auch der Ölpreis wirkt preistreibend. Die Federal Reserve hat unabhängig vom Wahlausgang angekündigt, dass sie vorübergehend ein Übersteigen ihrer Inflationsziele akzeptieren wird. Dennoch könnte der Druck zunehmen, mehr Leitzinserhöhungen als geplant durchzuführen. Auch für die Staatsanleihen der USA würde dieses Szenario ein hohes Kursverlustrisiko bedeuten.

 

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Im Gegenzug dazu blenden die Finanzmärkte das Risiko eines zunehmenden Protektionismus durch die neue US-Administration fast komplett aus. Der Welthandel erholt sich ohnehin nur sehr langsam von den Einbrüchen im Rahmen der Finanzkrise 2008. Eine stärkere Abschottung der US-Märkte erwarten viele Beobachter erst in der zweiten Hälfte der Amtszeit Donald Trumps.

 

In Europa bleibt das Bild uneinheitlich. Am besten von der Finanzkrise erholt hat sich Deutschland. Das Währungsgebiet als Ganzes erreichte 2015 wieder die Wirtschaftsleistung von 20089. Lediglich Deutschland und Frankreich übertrafen das wirtschaftliche Niveau, das vor dem Ausbruch der Finanzkrise bestand. Allerdings hat Spanien im Gegensatz zu Italien einen dynamischen Aufholprozess gestartet, der sich auch 2017 fortsetzen dürfte. Italien steht neben möglichen Neuwahlen - mit ungewissem Ausgang, was die Regierungsbildung angeht - vor der Herausforderung, den Bankensektor sanieren zu müssen. Erst dann sollte die italienische Wirtschaft in vollem Umfang von der Niedrigzinspolitik der EZB profitieren können. Bislang sind die Banken vor allem damit beschäftigt, die Eigenkapitalausstattung zu verbessern. Erst danach ist eine Ausweitung des Kreditgeschäfts mit privaten Haushalten und Unternehmen möglich.

 

Die Geldpolitik der EZB entfaltet gerade ihre volle Wirkung. Erst seit Anfang 2016 steigt die Kreditsumme an Unternehmen wieder. Die Dynamik dieser Kreditexpansion ist allerdings immer noch geringer als in früheren Erholungsphasen.10

 

Dennoch wird weltweit sehr kritisch diskutiert, ob die Zentralbanken noch in der Lage sind, dem Wirtschaftswachstum einen positiven Impuls zu geben. Nach Einführung von Null- oder negativen Zinsen sowie den quantitativen Lockerungsmaßnahmen scheint das Instrumentarium der Geldhüter erschöpft. Damit gewinnt der regelmäßige Appell von EZB-Präsident Mario Draghi, dass die Staaten die Geldpolitik mit Strukturreformen und haushaltspolitischer Lockerung unterstützen sollen, zunehmend an Bedeutung. Für 2017 erwarten viele Marktteilnehmer, dass die Staatsausgaben in den Industriestaaten erstmals seit der Finanzkrise wieder einen nennenswert positiven Beitrag zum Wirtschaftswachstum liefern werden.

 

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Das Bild bei den Schwellenländern stellt sich uneinheitlich dar. Die Wachstumslokomotiven bleiben voraussichtlich China und Indien. In China wird eine weitere Abkühlung des Wachstums erwartet. Der Umbau zu einem eher konsum- und binnenorientierten Wachstumsmodell dürfte weitergehen, genauso wie der Umbau der ineffizienten Staatsunternehmen und die Behebung des Schuldenproblems der Regionalregierungen. Dennoch erscheint eine krisenhafte Entwicklung in China weiterhin unwahrscheinlich.

 

Indien arbeitet mit Reformen an einer höheren Effizienz der Verwaltung und der Wirtschaft. Allerdings bedeuten die Bemühungen, den Schwarzmarkt zurück zu drängen, aktuell einen Rückschlag für das Wachstum. Um dieses Ziel zu erreichen, hat die indische Regierung Geldscheine mit hohem Wert eingezogen. Größere Transaktionen müssen nun unbar zwischen Konten abgewickelt werden. Da aber die meisten Konsumausgaben in Indien bar bezahlt werden, beeinträchtigt diese Maßnahme die Konsumstimmung deutlich. Mittel- bis langfristig ist mit einem positiven Effekt dieser neuen Gesetze zu rechnen, da so Korruption bekämpft wird und die Steuereinnahmen auf eine breitere Basis gestellt werden.

 

Die Erholung Russlands ist weiter stark vom Ölpreis getrieben. Deutliche Preissteigerungen für Öl erwarten wir gegenwärtig nicht. Zwar ist die OPEC zu mehr Förder- und damit Preisdisziplin zurückgekehrt. Gleichzeitig dürften aber Ölproduzenten aus den USA, deren Quellen wegen des Ölpreisverfalls nicht mehr profitabel waren, wieder in den Markt zurückkehren. Dadurch ist mit einer Stabilisierung des Ölpreises zu rechnen. Was allerdings im Vergleich zu den Vorjahresständen einen deutlichen Anstieg bedeutet.

 

Brasilien bleibt ein Risikokandidat: Der Wirtschaftsabschwung war so stark, dass eine weitere Verschlechterung kaum vorstellbar ist. Daher wird für 2017 wieder ein geringes Wachstum erwartet. Allerdings bleiben bislang wichtige politische Impulse aus, die eine Wende zum Besseren signalisieren würden. Dennoch ist dem Land 2016 viel Anlegergeld zugeflossen11. Der brasilianische Aktienmarkt erzielte einen der höchsten Wertzuwächse weltweit. Damit stecken viele Vorschusslorbeeren in den Aktienkursen; ob dies gerechtfertigt ist, wird sich 2017 zeigen.

 

Was bedeutet dies für Ihr Portfolio?

 

Für 2017 zeichnen sich derzeit einige positive Einflüsse für Aktien ab. Das globale Wirtschaftswachstum dürfte anhalten, u.a. wegen steigender Staatsausgaben. Als Folge sollten die Inflationsraten anziehen und dürften die Zinsen steigen. Allerdings wird keine überschießende Dynamik bei beiden Größen erwartet. Von dieser Entwicklung profitieren erfahrungsgemäß nicht alle Aktien in gleichem Maße. Waren bislang vor allem defensive und dividendenstarke Unternehmen hoch im Kurs, profitieren in einem solchen Umfeld normalerweise vor allem wachstumsstarke Unternehmen.

 

Regional sollten Aktien aus den USA und Europa weiter im Fokus der Investoren stehen. Nach den Mittelabflüssen im Jahr 2016 besteht hier Erholungspotential. Allerdings dürften die Renditebäume nicht in den Himmel wachsen. Grund dafür ist vor allem die bereits hohe Bewertung der Aktien. In Europa dürften auch die politischen Unsicherheiten für einige Schwankungen sorgen.

 

Unter den Schwellenländern bleibt wahrscheinlich, trotz der aktuellen Rückschläge, Indien einer der Favoriten. Das Wirtschaftsmodell ist kaum vom Export abhängig. Anhaltende Wirtschaftsreformen und Korruptionsbekämpfung sind gut für die wirtschaftliche Dynamik.

 

Deutlich gemischter sieht das Bild auf der Anleiheseite aus. Kursverluste wegen steigender Inflationserwartungen könnten das beherrschende Motiv für Staatsanleihen der USA, aber auch in der Eurozone sein. Nach den starken Zuflüssen 2016 besteht hier Anpassungsbedarf. Etwas besser wird das Bild bei den Unternehmensanleihen. Sie profitieren von der anhaltend guten Konjunktur, weshalb sich die Zahl der Konkurse weiter auf niedrigem Niveau halten dürfte. Aber die Aussichten auf zusätzliche Kursgewinne sind sehr gering. Für die Investoren bleiben also  nur die sehr niedrigen Renditen bis zu Endfälligkeit. Auch hier wäre es nicht überraschend, wenn die Erkenntnis reift: Die derzeitige Dividendenrendite erscheint deutlich attraktiver als die mit Anleihen erzielbare Rendite.

 
Achtung, Risiko – auf was gilt es zu achten?

 

Bei einer aktuellen Durchsicht der Medien entsteht der Anschein, dass die Risiken bei weitem die Oberhand haben. Aus Aktiensicht ist dies schon fast erfreulich. Denn von der für Aktien gefährlichen Euphorie an den Finanzmärkten ist weit und breit wenig zu sehen. Man gewinnt den Eindruck, die Märkte entwickeln sich den Risiken zum Trotz.

 

Dennoch dürfen wir nicht zu leichtfertig auf die Risiken schauen. Der Regierungswechsel in den USA hält wie bereits beschrieben viele Unwägbarkeiten für die Weltwirtschaft bereit. Die Wirtschaftspolitik Trumps kann evtl. weltweit für eine Belebung sorgen, indem die Wirtschaft stärker wächst. Die Drohkulisse besteht aus einer stärkeren Abschottung der USA gegenüber Importen. Dies würde Exportnationen wie Deutschland oder viele Schwellenländer stark negativ beeinflussen. Wohin sich die Waagschale neigen wird, ist noch nicht absehbar.

 

In Europa stehen die Brexit-Verhandlungen, Wahlen in Deutschland, Frankreich und Holland sowie möglicherweise Neuwahlen in Italien an. Zudem stehen die Regierungen der Eurozone zunehmend vor der Herausforderung, die Wachstumsschwäche durch andere Maßnahmen als die der Geldpolitik zu bekämpfen. All diese Punkte können im Verlauf des kommenden Jahres für Unruhe an den Finanzmärkten sorgen. Auch die EZB könnte die Märkte aufschrecken, falls sie die lockere Geldpolitik im Hinblick auf steigende Inflationszahlen zurückfährt.

 

Für die Schwellenländer bleibt China ein Risikofaktor. Zwar macht das Land deutliche Fortschritte bei dem Umbau des Wirtschaftsmodells und der Bekämpfung der Schulden. Das Ende dieses Prozesses ist jedoch noch nicht erreicht. Daher besteht also weiterhin die Gefahr von Rückschlägen, auch wenn wir die chinesische Regierung auf einem guten Weg sehen.

 

Wichtiger Hinweis: Die vorliegenden Informationen dienen nur Ihrer Information und der Unterstützung Ihrer selbstständigen Anlageentscheidung. Sie stellen keine konkreten Empfehlungen zum Kaufen, Halten oder Verkaufen eines Finanzprodukts dar und begründen kein individuelles Beratungs- oder Auskunftsverhältnis. Sie sind ferner nicht als Rechts-, Steuer- oder sonstige Beratung gedacht

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Quellennachweis

1 IMF – World Economic Outlook October 2016

2 IMF – World Economic Outlook October 2015

3, 4 US-Department of Commerce – Bureau of Economic Analysis

5 Federal Open Market Committee

6 Morningstar – Net Asset Flow Statistics

7 Markit Purchasing Manager Indices

8 IMF – Wolrd Economic Outlook October 2016

9 Eurostat – volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, BIP-Daten

10 EZB-Monatsberichte

11 Morningstar – Net Asset Flow Statistics

1 Kommentar

Regelmäßiger Besucher

Ein guter Beitrag. Danke.

Mir ist beim lesen folgender Gedanke gekommen. 

"Wieso nutzt man den deuschen Soli-Beitrag nicht einfach, um die Staatsverschuldung abzubauen". Wenn er wirklich nur dazu genutzt würde, erschiene mir der Beitrag sinnvoll und angemessen. Die Zeiten mit den niedrigen Zinsen werden sicher nicht lange so bleiben.

Norwegen macht es doch vor: Mit Öl- und Gas-Verkauf hat sich in Norwegen ein prall gefüllter Staatsfond gebildet.

Deutschland wäre gut damit beraten, seine eigene Wirtschaftkraft auch zu seinem Vorteil zu nutzen,auch um endlich mal diese sehr hohe Staatsverschuldung in eine stark rückläufige Richtung zu bewegen. So könnte man auch Steuersenkungen hinbekommen. Irgendwann müssten weniger Zinsen auf Schulden gezahlt werden, und die Lohnsteuer könnte gesenkt bzw. die Rente optimiert werden. Der Staat so selber mal mit gutem Beispiel voran gehen. Und es nicht immer nur von anderen Ländern verlangen. Die Ausgaben immer weiter zu erhöhen, lässt sich kein Volk der Welt gefallen. Die schwarze Null klappt jetzt zwar schon, jedoch hat dies viel zu lange gedauert. Auch sollten Staatsbedienstete viel bewusster im Umgang mit dem Steuergeld sein. Fachliche und sachliche Schulungen sind da sicher sehr angebracht. Andernfalls sollten die Qualifikationen so gewählt werden, damit dies zum wohle aller erfüllt wird.

Den letzten Endes, hat sowohl der Staat, als auch der kleine Bürger, dadurch wieder mehr Geld bzw. Spielraum, Aufgrund weniger Schulden bzw. Abbau von Schulden, um es in die Märkte investieren zu können.