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Gamestop: Was Sie jetzt wissen müssen.

von ‎01.02.2021 13:53 , bearbeitet ‎01.02.2021 15:04
7 Kommentare , 3 Likes

Der Flashmob erreicht mit Gamestop die Börse und bringt erfahrene Manager in Bedrängnis. Wie kommt es dazu und wie sollten Anlegende reagieren?

 

GameStop-Robinhood.png

 

Aktuell überschlagen sich die Meldungen, dass die Aktie der schwächelnden US-amerikanischen Einzelhandelskette für Computerspiele, Gamestop, einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Dabei hat sich die wirtschaftliche Situation des schon vor der Corona-Pandemie angeschlagenen Konzerns keinesfalls verbessert. Hinter dem satten Kursplus stehen junge Leute, die sich in Foren und auf sozialen Medien verabreden und zum Aktienkauf animieren. Damit bringen sie sogar Hedgefonds, die für Leerverkäufe bekannt sind, in finanzielle Schwierigkeiten. Was steckt dahinter und wie sollten sich Anlegende nun verhalten? Wir beleuchten die Hintergründe.

 

Was sind Leerverkäufe?

Viele Hedgefonds realisieren große Gewinne über Leerverkäufe (Short Sells) und das funktioniert so: Sie leihen sich Aktien eines Unternehmens, bei dem Sie fallende Kurse erwarten. Diese Aktien werden sofort zum aktuellen Wert verkauft. Zu einem bestimmten Zeitpunkt erwartet der Verleihende seine Aktien zurück. Shortseller setzen darauf, die Papiere dann zu günstigeren Preisen zu erwerben und die Differenz zwischen Verkaufs- und Einkaufspreis als Gewinn einzustreichen. Geht die Wette nicht auf, müssen die Aktien teurer beschafft werden und es entstehen Verluste.

 

Es mag einiges dagegen sprechen, auf fallende Kurse zu wetten. Doch dafür spricht, dass Firmen, die auf Leerverkäufe spezialisiert sind, zur Transparenz an der Börse beitragen. Denn das System funktioniert nur, wenn bei dem ausgewählten Unternehmen tatsächlich etwas im Argen liegt. Profis decken so Ungereimtheiten in den Bilanzen und Missstände auf. Denken Sie nur an den Wirecard-Skandal. Während die BaFin, Wirtschaftsprüfer und Börsenanalysten das Unternehmen über Jahre als gesund und seriös bewerteten, ging der Londoner Börsenspekulant und bekannte Shortseller Fraser Perring Wirecard bereits 2016 an, weil er Bilanzfälschungen und Betrug witterte. Er sollte Recht behalten.

 

Woher kommen plötzlich die Kleinanlegenden, die Aktien von Gamestop kaufen?

Mittlerweile gehören rund 20 Prozent der Aktiven an der Börse einer besonderen Gruppe an. Diese Anlegenden sind zum Teil noch unerfahren im Umgang mit Aktien und sie nutzen für den Handel die kostenlose Smartphone-App Robinhood. In Foren wie Reddit oder über die sozialen Medien tauschen sie Tipps und Empfehlungen aus.

Vereinfacht ist bei Gamestop Folgendes passiert:

  • Schon vor Corona schrieb Gamestop hohe Verluste. Das Unternehmen aus dem stationären Handel verpasste den Anschluss an das Onlinegeschäft, Kunden und Mitarbeiter waren unzufrieden. Speziell bei Gamestop war aber auch der Einstieg von Investor Ryan Cohen relevant
  • So sah der auf Leerverkäufe spezialisierte Hedgefonds Citron Research seine Chance und investierte.
  • Um die nötigen Aktien für die Rückgabe zu niedrigen Kursen einzukaufen, riet das Unternehmen in einem Reddit-Forum zum Gamestop-Verkauf.
  • Das entfachte das Interesse der Robinhood-Community, sie verabredete sich zum Aktienkauf.
  • Ein Kommentar von Tesla-Gründer Elon Musk, der gegen shortselling ist, verstärkte die Reaktion zusätzlich.
  • So entstand ein seltenes Börsenphänomen: der Short Squeeze (Angebotsknappheit).
  • Da der Kurs von Gamestop durch die Robinhood-Anlegenden massiv stieg, musste Citron Research schnell kaufen und verstärkte so zum eigenen Nachteil den Aufwärtstrend.

Und wie geht es für klassisch Anlegende in Deutschland weiter?

Gamestop ist ein gutes Beispiel, worauf Aktionäre achten sollten. Denn bei dem Spieleeinzelhändler steigt zwar der Börsenkurs in ungeahnte Höhen, gesünder oder leistungsfähiger ist das Unternehmen aber nicht geworden. Die aktuellen Zahlen basieren auf einer Spekulationsblase, die in absehbarer Zeit platzen dürfte. Selbstverständlich haben Anlegende, die rechtzeitig ein- und wieder ausgestiegen sind, mit hohen Investitionen in einen Einzelwert beachtenswerte Gewinne erzielt. Es bleibt allerdings reine Spekulation und ist nicht sicherer als eine Wette. Solche Investitionen können eine Überlegung wert sein, wenn Sie einen Totalverlust des eingesetzten Geldes verkraften.

 

Die sogenannten Robinhoods agieren wie ein Flashmob an der Börse. Sie machen mittlerweile einen spürbaren Teil des Handels aus. Aber es fehlt Ihnen teilweise an Erfahrung und Vorsicht, die meisten kennen die Börse seit weniger als zehn Jahren, in denen es beständig aufwärtsging.

 

Die Empfehlung in Foren und die von den Robinhoods ausgelösten Kurssteigerungen müssen Anlegende, die langfristige Strategien verfolgen, einkalkulieren, wenn neue Werte ins Depot kommen oder bereits vorhandene Papiere aufgestockt werden sollen. Risikoreiche Fehlinvestitionen sind sonst vorprogrammiert. Dazu sind folgende Tipps hilfreich:

  • Steigen Aktien schwächelnder Unternehmen unerwartet, prüfen Sie den Hintergrund des Aufstiegs.
  • Verlassen Sie sich nicht auf bekannten Namen – so sind Blackberry und Nokia nicht mehr die Unternehmen, die sie vor der Jahrtausendwende waren.
  • Behalten Sie weitere Kandidaten wie Gamestop im Hinterkopf. Ähnliches ist möglicherweise auch bei Varta, Hugo Boss, Evotec oder AMC im Gange.
  • Setzen Sie sich ein Limit für Käufe und Verkäufe.
  • Mischen Sie viele verschiedene Werte im Depot.
  • Kaufen Sie nur Aktien von Unternehmen, deren Konzept und Führung Sie überzeugen.
  • Analysieren Sie Ihr eigenes Risikoprofil und halten Sie sich daran.

Wie stehen Sie zu Gamestop und anderen Kursraketen? Setzen Sie auf Risiko oder investieren Sie lieber langfristig und konservativ? Teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns und unseren Lesern und Leserinnen.

 

Fazit:

  • Das Kursfeuerwerk bei Gamestop basiert auf einer Spekulationsblase.
  • Sich daran zu beteiligen, birgt ein hohes Risiko.
  • Prüfen Sie die Substanz und den Hintergrund eines Unternehmens genau, bevor Sie sich engagieren.
  • Investieren Sie breit gestreut und setzen Sie nicht alles auf eine Karte.

 

Kommentare
von
am ‎01.02.2021 17:38

Die Kleinanleger gehen sicher ein hohes Risiko ein. Hoffentlich steiegn sie jetzt alle aus, nachdem das Ziel ja wohl erreicht ist, den Hedgefonds einen Denkzettel zu verpassen.

 

Ihr Kommentar zu Hedgefonds ist Quatsch. Hedgefonds sind Fonds mit riesigen Milliardenvermögen. Sie erhalten diese Gelder von reichen, sehr reichen Menschen. Das Ziel der Hedgefonds ist es, diesem Klientel große Gewinne zu verschaffen und sich selbst über Gewinnbeteiligungen ein sehr hohes Einkommen.

 

Die wirtschaftliche Situation und die zukünftigen Aussichten der Ziel-Unternehmen spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Hedgefonds werden in der augenblicklichen Phase nicht gerade Amazon mit Leerverkäufen angreifen. Schwächere, kleinere Unternehmen aber schon, selbst wenn deren Aussichten nicht schlecht sind. Hedgefonds sind an der Börse durch ihr enormes Vermögen eine große Gefahr. Deshalb ist es gut, wenn sich Kleinanleger zusammen tun und dagegen vorgehen - auch wenn dies Ihnen nicht gefällt.

von
am ‎01.02.2021 21:42 - zuletzt bearbeitet am ‎02.02.2021 10:03  von

Wenn es nach mir geht, müsste man Leerverkäufe untersagen, da sie aus meiner Sicht unmoralisch sind. Dann auch noch die kleinen Anleger als unerfahren herunterzumachen, halte ich für ziemlich daneben. Hier hat man dann mal der Macht der Großen gierigen Hedgefonds etwas entgegengesetzt. Was an der Sache auch noch faul zu seien scheint, ist die Tatsache, das der Kurshandel über bestimmte Trader zeitweise ausgesetzt war. Angeblich konnten nur Hedgefonds-Manager selbst noch kaufen, was ich fast gar nicht glauben kann. Ich hoffe das die Überwachungsbehörden das alles klar stellen und diesen Handelsplattformen eine empfindsame Strafe auferlegen. Wer bei dem unmoralischen Spiel die Wetten billigt, muss auch ganz eindeutig die Gegenseite akzeptieren.

von
am ‎02.02.2021 12:26

Für Hedgefonds und große Investoren ist die Vorgehensweise und die Risikobereitschaft einer großen Community einfach nicht durchschaubar bzw. sie können diesen Weg nicht mitgehen.

Aktuell wird von den "wilden Kleinanlegern" neben Gamestop, AMC und Blackberry auch die Aktie von Sundial Growers (SNDL) massiv gepusht.

Hier gibt es hohe Risiken aber auch Chancen vom rasanten Anstieg zu profitieren.

Ich bin gespannt wie es in den nächsten Tagen weitergeht. Smiley (fröhlich)

von
am ‎02.02.2021 13:06

Hat jemand Informationen, an welchem Tag die Aktion der Kleinanleger begonnen hat? Schaut man sich den Chart an sieht man, dass vor dem 13.01. der Umsatz meist unter 25 Mio Stücken liegt. Ab dem 13.01. gab es folgende Umsätze:

 

Datum

Schlusskurs

Umsatz (Stück)

13.01.2021

$ 31,4

144.501.736 

14.01.2021

$ 39,91

93.717.410

15.01.2021

$ 35,5

46.866.358

19.01.2021

$ 39,36

74.721.924

20.01.2021

$ 39,12

33.471.789

21.01.2021

$ 43,03

57.079.754

22.01.2021

$ 65,01

197.157.946

25.01.2021

$ 76,79

177.874.000

26.01.2021

$ 147,98

178.587.974

27.01.2021

$ 347,51

93.396.666

28.01.2021

$ 193,6

58.815.805

29.01.2021

$ 325

50.566.055

01.02.2021

$ 225

37.382.152

 

Wenn die Aktion nicht am 13.01. begonnenen wurde, stellt sich mir die Frage, wer hat "zufällig" kurz vor Start der Aktion größeren Tranchen der Aktie gehandelt? Auch stellt sich die Frage, warum hatte an diesen Tagen der massive Anstieg vom Volumen kaum Auswirkungen auf den Kurs?

 

von
am ‎02.02.2021 14:10

Am 13.01. wurde Ryan Cohen, der Mitgründer des Tierfutterhändlers CHEWY in das Board of Directors gewählt. Dort waren vorab schon weitere Chewy-Manager vertreten.

Aufgrund der guten Erfolge beim anderen Unternehmen im Bezug auf Digitalisierung und Schaffung eines stärkeren Online-Handels, hat diese Neu-Besetzung zu einem 94% Plus innerhalb des Tages geführt.

Mit -Grund für den starken Anstieg: Cohen hatte im vergangenen Jahr privat 12,6% der Gamestop Aktien gekauft.

 

Die wallstreetbets sind erst später auf den Zug aufgesprungen...

von
am ‎02.02.2021 14:36

Danke für die Info. Das erklärt aber auch nicht den starken Anstieg bzw. wer da die Aktie massiv gehandelt hat. Laut nasdaq.com hat Cohen zuletzt im Dezember Aktien gekauft und besitzt jetzt 9.001.000 Aktien (12,85%). Andere Direktoren bzw. Personen aus dem Insider-Kreis haben im Januar nur "geringe" Mengen der Aktien verkauft. Der aktuellste Eintrag ist vom 15.01. und das ist ein Verkauf von 3.500 Aktien.

 

Man bedenke, von der Firma gibt es nur 70.000.000 Aktien.

 

von
‎02.02.2021 23:36 , bearbeitet ‎02.02.2021 23:43

Die Nasdaq veröffentlicht 2x im Monat die Short Interests

http://www.nasdaqtrader.com/trader.aspx?id=shortintpubsch

 

Am 15.01 konnten die Wallstreetbets die gigantischen Quoten auf Gamestop sehen.

Die Zahlen der Tage vorher können Dumpings der Short-Seller gewesen sein (geliehene Aktien) und Gegenreaktionen der Wallstreetbets, die schon vorher angefangen hatten sich gegen die Short-Seller auf verschiedenen Aktien aufzustellen, die hohe Short-Quote hatte sich über Monate aufgebaut.

 

Der Nutzen von Short-Selling Hedgefonds steht in keinem Verhätlnis zu dem Schaden, den sie anrichten. Falls sie überhaupt Nutzen bringen - ob ich den Schaden durch die Hedgefonds (von irgendwoher kommen die Milliarden, die sie verdienen) oder falsche Bewertung/kriminelle Aktivitäten erleide kann mir im Endergebnis egal sein.

Für professionelle Anleger mag dies besser Aussehen, da sie kompetenter die Lage einschätzen können und selber am Aktienverleih verdienen.

Für Privatanleger kann es nur gut sein, wenn die Hedgefonds weniger effizient an den Kursen rumfummeln können, mit Stock Dumpings, auslösen von Stop-Loss getriggerten Verkaufspanikketten etc.

Ich gehe davon aus, daß es auch so bleibt. Sich gegenüber solchen Gegenattacken wie bei Gamestop (war nur spektakuläre Spitze) abzusichern wird Kosten nach oben treiben. Letztendlich wird hoffentlich der Kuchen für andere Player grösser.