Blog

Die ersten Börsen – eine Erfolgsstory aus Flandern

von ‎27.09.2018 09:22 , bearbeitet ‎02.10.2018 09:48
1 Like

Die Geschichte des Handels mit Wertpapieren ist wesentlich länger als Viele denken – sie geht auf das Spätmittelalter zurück. Lesen Sie hier spannende Hintergrundinformationen.

 

Brügge – wo alles begann

 

Brügge, die altehrwürdige Hauptstadt Flanderns, erlebte im ausgehenden Mittelalter seine Blüte als bedeutende europäische Handelsstadt. Dort wurde im Jahre 1531 eine Börse in einem zentral gelegenen Gebäude gegründet. Unter dem Namen „Byrsa Brugensis“ (Börse von Brügge) ist dieses Haus in zeitgenössischen Stadtplänen verzeichnet. Andere Quellen lassen darauf schließen, dass es bereits vor diesem Zeitpunkt Börsen gab: Schon im ersten Quartal des 15. Jahrhunderts eröffnete demzufolge ein institutionalisierter Handelsplatz in Brügge. Der Begriff Börse stammt vom niederländischen Wort für Geldbeutel „beurs“ ab.

Allerdings erfolgte in der ersten Börse kein Handel mit Aktien oder anderen verbrieften Unternehmensanteilen. Vielmehr stand der Verkauf und Kauf von Wechseln im Mittelpunkt.

 

Börse Frankfurt1845.jpg

 Alte Börse in Frankfurt am Main 1845. Quelle: Wikimedia Commons

 

Diese Titel erfüllten damals und in den folgenden Jahrhunderten bis nach dem Zweiten Weltkrieg eine wichtige Funktion: Indem sie ein unbedingtes Zahlungsversprechen zu einem in der Zukunft liegenden Zeitpunkt gaben und fungibel, also handelbar waren, ermöglichten diese Wertpapiere umfangreiche Finanzierungen. Diese konnten aufgrund ihrer Übertragbarkeit an andere Händler weitergegeben werden, sodass es zu einer starken Verbreiterung der Kreditbasis im Vergleich zu persönlichen Darlehen kam.

 

Schnelle Verbreitung von Börsen in wichtigen Handelszentren

 

Nur wenige Jahrzehnte später erfolgte die Gründung von weiteren Börsen in Flandern, ebenso in den Niederlanden, Frankreich sowie England. Es dauerte dann eine Weile, bis das „Börsenfieber“ sich auch in Deutschland verbreitete. Bis heute ist es Historikern nicht gelungen, zweifelsfrei zu ermitteln, in welcher deutschen Stadt die erste Börse ihre Tore öffnete. Die folgenden Handelsmetropolen besitzen seit dem 16. Jahrhundert eine Börse:

 

  • Frankfurt am Main
  • Augsburg
  • Köln
  • Nürnberg
  • Hamburg

Dabei etablierte sich Frankfurt schon damals als führender Handelsplatz für Wertpapiere.

 

Die Anfänge des Aktienhandels

 

Einige Historiker interpretieren die „Banco di San Giorgio“ als Frühform der Aktiengesellschaft. Diese in Genua ansässige Bank wurde im Jahr 1407 gegründet und gab ab 1419 Anteilsscheine heraus. Doch es erfolgte in dieser Zeit noch kein anonymisierter, groß angelegter Handel mit den Papieren. Es sollten vielmehr noch rund zwei Jahrhunderte vergehen, bevor die Händler an den Börsen verbriefte Rechte an Kapitalgesellschaften in einer mit dem heutigen Aktienhandel vergleichbaren Form kauften und verkauften. Wissenschaftler datieren den ersten Handel mit Aktien auf das Jahr 1610. Zu diesem Zeitpunkt gab die Vereinigte Ostindische Handels-Kompanie (VOC) erstmals verbriefte, nicht rückzahlbare Anteile an ihrem Kapital heraus, die anonym gehandelt werden konnten. Auch die Haftungsbeschränkung, die als typisches Gestaltungsmerkmal von Kapitalgesellschaften gilt, war bei Anteilen der VOC bereits gegeben. Die Gründung der VOC erfolgte schon 1602 als Zusammenschluss von Amsterdamer Gewürzhändlern, für die damals wie heute die Bezeichnung „Pfeffersäcke“ üblich ist. Sie entschieden sich für diese Form der Zusammenarbeit, um den kostenintensiven Handel mit dem fernen Indonesien zu finanzieren und zu professionalisieren. Ein Vorläufer der heutigen Aktie schmückt heute den Amsterdamer Börsensaal.

 

Einen ähnlichen Zweck verfolgte die englische East-India Company, die im Jahr 1600 gegründet wurde. Ihre Umwandlung in eine Aktiengesellschaft erfolgte jedoch erst dreizehn Jahre später. Sowohl diese Kapitalgesellschaft als auch die niederländische VOC entwickelten sich zu einzigartigen Erfolgsmodellen. Sie ermöglichten eine starke Intensivierung des Fernhandels innerhalb kurzer Zeit, indem sie das dafür erforderliche Kapital unkompliziert und zu günstigen Konditionen bereitstellten.

 

Spezialfall Wall Street

 

Die Geschichte der New York Stock Exchange, heute wegen ihres Sitzes in der gleichnamigen Bürostraße kurz als „Wall Street“ bezeichnet, beginnt ungewöhnlich: Die US-amerikanische Regierung benötigte dringend Geld für die Finanzierung des Unabhängigkeitskrieges. Zu diesem Zweck gab sie Staatsanleihen im Wert von rund 80 Millionen Dollar aus. Diese Kriegsanleihen stellen den Beginn des Wertpapierhandels in Amerika dar. Im Jahr 1792 schlossen sich die Wertpapierhändler zu einer Vereinigung zusammen, indem sie das Buttonwood-Agreement unterzeichneten. Darin verpflichteten sie sich, beim Wertpapierhandel einheitliche Regeln zu beachten und ihren Kunden Gebühren in jeweils gleicher Höhe in Rechnung zu stellen. Zu diesem Zeitpunkt handelten sie lediglich die Anteile von fünf Aktiengesellschaften. Doch die Zahl der Unternehmen, deren Anteile an der Wall Street ge- und verkauft werden konnten, nahm schnell zu, bis sich aus den bescheidenen Anfängen die größte Börse der Welt entwickelte.

 

Fazit:

 

  • schon die erste Börse in Brügge erfüllte eine wichtige Funktion als Institution, die Finanzierungen erleichtert
  • niederländische und englische Handelsunternehmen waren die ersten Aktiengesellschaften der Welt
  • maximale Fungibilität und Haftungsbeschränkungen machten Aktien attraktiv und führten zur Intensivierung des Handels an den Börsen